Sonntag, 8. juni 2008
Wir kennen es alle, das süße Gefühl, ein Geheimnis zu haben, die Befriedigung, die sich aus der Unwissenheit der Anderen ergibt. Doch was, wenn dieses Geheimnis sich um verbotene Taten rankt und plötzlich ein Mitwisser auftaucht? Dann wird das prickelnde Gefühl schnell zur eiskalten Angst.
So zumindest wird das Ganze in Zweigs gleichnamiger Erzählung "Angst" geschildert. Hier erlebt der Leser eine Frau, deren einziges Vergnügen als Mitglied der Wiener Oberschicht zur Zeit des Beginns der Erzählung darin zu liegen scheint, ihren Mann mit einem Musiker zu betrügen; das Vergnügen wandelt sich jedoch jäh in einen Alptraum, als ihr, die Wohnung ihres Geliebten gerade verlassend, eine Frau entgegentritt und sie zur Rede stellt.
Was nun folgt ist klassisch und vorhersehbar: Erpressung. Interessant ist zu lesen, wie sich die Lebensauffassung und Selbsteinschätzung der bedrohten Dame immer mehr verändern, je größer und unerfüllbarer die Forderungen werden; der Leser wird hier gemeinsam mit ihr der Tatsache gewahr, dass ihr Leben bis zu dem Moment, ab dem es von nackter Angst bestimmt wird, aus Oberflächlichkeiten bestand und weder Inhalt noch Sinn zu haben schien; erst die Bedrohung, die ihr gesellschaftliches und im Verlauf auch ihr physisches Leben überschattet, ermöglicht der Protagonistin einen kritischen und letztlich auch verstehenden Blick auf sich selbst, ihre Familie, und ihre Vergangenheit; die Angst wird hier, anstatt Bedrohung zu sein und den Charakter zu lähmen, nicht nur zum treibenden Faktor in der Entwicklung der Hauptperson, sondern auch zum Motor des Selbstverständnisses und der Selbstkritik.
Ohne dem Ende vorweg greifen zu wollen, sei gesagt, dass Zweig hier wieder einmal meisterlich in die Seele eines Menschen blickt, der durch äußere Umstände seelisch zu äußerster Spannung gezwungen wird und daran fast zerbricht; die Protagonistin in ihrem Handeln und Tun wirkt auf den kurzen 120 Seiten durchgehend glaubhaft auf den Leser, und ein überraschendes Ende (soviel sei verraten) sorgt nicht zuletzt für eine tiefer gehende zweigsche Moral von der Geschicht. Lesen!
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Samstag, 31. mai 2008
Es ist spät, als der Autor R. am Abend seines einundvierzigsten Geburtstages einen dicken Brief in die Hand nimmt, ohne Absender, in eiliger Frauenhandschrift verfasst, ohne zu wissen, dass sich ihm darin die Tragödie eines Lebens, an dem er unwissend und unwillentlich großen Anteil hatte, eröffnet.
Hier schreibt ihm eine ihm unbekannte Frau, vom plötzlichen Grippetod ihres Sohnes gerührt, ihre Lebens-, Liebens- und Leidensgeschichte, beschreibt ihm ihre Welt, die sich seit frühester Kindheit nur um einen Menschen dreht: um ihn. R.s Lebensrealität wird in den Zeilen des Briefs eine andere entgegengeworfen, die einer Frau, die ihr Herz in frühen Kindertagen schon an einen Mann verlor und deren Leben seitdem in stillem Begehren nur auf ihn ausgerichtet war, allerdings so zögerlich, so heimlich, dass er ihr, die hier ihrem Geliebten verbal ihre Seele ausschüttet, nie gewahr werden konnte.
Ohne nun noch detaillierter auf den Inhalt einzugehen, sei hier gesagt, dass Zweig wieder einmal einen gefährlichen Balanceakt wagt - als Mann aus der perspektive einer Frau zu schreiben ist ein Unterfangen, dass in der Literatur oft genug unerfolgreich geblieben ist.
Aber auch wenn der weibliche Charakter hier emotional etwas maßlos und naiv erscheint, passt das zur Komposition der Figur und ist somit eine entschuldbare kleine Schwäche; die Leistung der Erzählung, die sie mich an dieser Stelle weiterempfehlen lässt, besteht letztlich darin, dass auf wenigen Seiten einer Lebensrealität eine andere, mit ihr verbundene, aber völlig konträr dazu verlaufende entgegen gestellt wird - als Leser erlebt man auf engstem Raum einen jener nur selten im Leben vorkommenden Momente, in denen sich mit einem Mal alles grundlegend und für immer verändert.
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Mittwoch, 30. april 2008
Zugegeben, ich bin spät dran, schließlich ist die dritte Woche schon fast rum, aber Uni verhindert ja bekanntlich jede Regelmäßigkeit im Leben bzw. in der Planung desselben, daher hier nun im Sauseschritt die zweite Woche.

Montag: Ha, die Abdrücke sind etwas geworden, zwar nicht hübsch, aber verwendbar, und nur das allein zählt - diese Hürde auf dem Weg zur ersten für das Kursbestehen wichtigen Arbeit, der Totalprothese, wäre also genommen.
Dumm nur, dass man mich und die anderen am Nachmittag als Studienobjekte missbraucht - man will untersuchen, inwieweit wir nun schon Haltungsschäden, die ja bei uns Zahnmedizinern der Ursprung allen Übels aller Berufsunfähigkeit sind, davon getragen haben, und unsere Haltung dementsprechend durch Aufklärung und Training korrigieren. Dazu schnallt man uns lustige Brustgurte um, die an ein Gerät, das Abweichungen von der optimalen Haltung ermittelt, angeschlossen sind - und dieses Ding vibriert, wenn wir den optimalen Bereich verlassen.
Bei mir also ständig. Zweifach schlecht für mich also: meine Haltung ist offenbar grundfalsch, und die Vibriererei dieses Teufelsgeräts macht den Nachmittag nicht lustiger. Nunja, um 5 ist glücklicherweise Schluss.

Diestag: Basteln an den Modellen und der erste Versuch der Zahnaufstellung - viel mehr passiert nicht. Am Abend dann wildes Lernen für die Frage des Tages, jener mittwöchigen Zwischenprüfung auf Losbasis, die einen konstanten Lernrythmus komplett verunmöglicht - dann schlafen.

MIttwoch: Großartig. Ich brauche Hilfe, Hinweise zum Aufstellen der Zähne, vielleicht mal eine Demonstration - und vor allem: einen Assi. All das lässt sich natürlcih nicht finden - hallo, schlechte Laune, ja, du darfst bleiben, zu Recht. Bei der Frage des Tages werde ich nicht gezogen, die Fragen waren allerdings machbar - verdammt. Gottseidank darf ich morgen bis 07:20 ausschlafen..

Donnerstag: Wieder kein Assi. Was soll denn das, seit 2 Tagen bin ich auf dem gleichen Fortschrittsstand - die Laune ist im Keller. Dementsprechend verläuft der restliche Tag. Welt: Geh weg!

Freitag: Endlich Assistenten, endlich Fehler ausmerzen, endlich Demo zur Frontzahnaufstellung. Wie gut, dass ich damit schon fertig bin. Allerdings ist ab 12:00 Wochenende, die Laune kann nur noch besser werden nun.

Samstag+Sonntag: Es wird Frühling, endlich auch mal spürbar; zwar tummeln sich keine mir Liebesbeweise entgegenwerfenden Frauen in meinem Garten, aber die Sonne lässt sich blicken und es wird endlcih einmal wärmer.
Ob das nun dem Mistwetter, das vor allem auf die Laune schlägt, ein Ende bereitet? Ich schaue mir das Ganze von drinnen an, während das Wochenende zum ausgiebigen Lernen genutzt wird. Bald hoffentlich dann nicht mehr drinnen auf dem Sofa, sondern draußen im Garten.
von aeskulap - veröffentlicht in: Phantom I
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Samstag, 26. april 2008
Der Frühling lässt sein blaues Band wieder einmal flattern, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern - es wird warm in Deutschland. Und nicht nur das, es wird immer wärmer, wie uns die mittlerweile kaum mehr bestreitbaren Daten der verschiedenen Umweltorganisationen und Klimainstitute deutlich zeigen.
"Schön", denkt man sich, "weniger Kälte ist doch toll" - stimmt schon, nicht frieren hat einen Vorteil, aber man vergisst allzu leicht, dass eine Erwärmung unserer Umgebung nicht nur unserer Art das Leben erträglicher macht - auch andere Tiere mögen die Wärme und dringen immer weiter in vorher für sie nicht besidelbare Gebiete vor.

Eines davon ist die Anophelesmücke - diese eigentlich hauptsächlich in tropischen Regionen beheimatete Art ist zur Zeit dabei, einen neuen Kontinent zu erobern: Europa. Mehr Mückenstiche oder Konkurrenz zu den einheimischen Arten wäre ja nun kein großes Problem, wofür hat der Europäer kleine Helfer wie den Azaronstift oder das Fenistilgel, allerdings zeichnet die Anophelesmücke eine Besonderheit aus: Sie kommt nicht allein. Als Wirt einiger Plasmodienarten (das sind kleine, parasitär lebende Bakterien) dient sie gleichzeitig als Vektor (sprich verbreitende Größe) der Malaria; Anopheles nimmt also nicht nur unser Blut mit, sondern lässt uns im Gegenzug seine Freunde da.
Und die machen unserem Immunsystem dann ordentlich zu schaffen.

Interessant ist, dass uns Deutschen, obwohl auch hier endemische, sprich hier erworbene Malariainfektionen bis in die 50er Jahre durchaus noch vorkamen, die Malaria heute nur noch aus dem Fernsehen bekannt ist (außer wir gehören zu den wenigen Unglücklichen, die sich die Krankheit auf einer Reise in gefährdete Gebiete eingefangen haben); wer weiß denn noch, was mit dem Wort Malaria auf einen zu kommt?
Das ist nicht nur bezeichnend dafür, dass unser Gesundheitssystem und die prophylaktischen Möglichkeiten bei Auslandsreisen (einen Impfstoff gibt es noch immer nicht) recht gut funktionieren, sondern auch für unsere Ignoranz vor den Dingen, die in der Welt passieren.

Denn, auch wenn diese Krankheit hier nicht Teil unserer Lebensrealität ist, so doch in vielen anderen Gebieten: Weltweit erkranken im jahr 500 Millionen Menschen an Malaria, eine Million davon stirbt an dieser Erkrankung - und bei dieser Million handelt es sich vorwiegend um alte Menschen - und Kinder.

Das ist nun wohl der richtige Moment, um kurz genauer auf die Malaria einzugehen.

Man unterscheidet bei Malaria drei verschiedene Subtypen:
Malaria tropica, die schwerste Verlaufsform, Malaria tertiana und die Malaria quartana. Gemeinsam ist allen Infektionen eine primäre Besidelung der roten Blutkörperchen durch die Plasmodien, die dann zu den entsprechenden Symptomen und Komplikationen führt, die sich bei den einzelnen Malariaarten etwas unterscheiden.
Malaria tropica beispielsweise ist gekennzeichnet durch Fieberschübe, Anämie (also Blutarmut, logisch, da die sauerstofftransportierenden Erythrozyten ja geschädigt werden), Hämoglobinurie (also das ausscheiden von Hämoglobin, das für die rote Farbe des Blutes verantwortlich ist, durch den Urin, der sich dadurch schwärzt, was der Krankheit auch den Beinamen Schwarzwasserfieber eingebracht hat), die mit Nierenschäden einhergeht, sowie Zuckerarmut des Blutes (die bis zum Koma führt) und häufig neurologischen Komplikationen.
Malaria tertia und quartana zeichnen sich ebenfalls durch Fieber (bei M.tertiana in einer charakteristischen 
Dreitagesrythmik) und Beteiligung bzw. Schädigung des ein oder anderen Organs aus.

Eine "Hilfe" für das Überleben dieser Krankheit stellt interessanterweise eine andere Erkrankung, die Sichelzellanämie dar, bei der die Erythrozyten eine charakteristische Form (durch Schädigung des Zytoskeletts, also der Struktur, die die Form und Stabilität der Zelle garantiert) aufweisen und den Plasmodien nicht ausreichend als Wirtsumgebung dienen können - daher findet man diese Erbkrankheit auch in den betreffenden Malariagebieten in einer die statistische Erwartung weit übertreffenden Menge.

Die medikamentöse Therapie von Malaria ist heute zwar möglich (und in den meisten Fällen auch erfolgreich) und nach westlichen Gesichtspunkten günstig, in den Ländern, in denen Malaria primär auftritt, sind Medikamente allerdings rar und kaum bezahlbar. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Profitspanne bei Malariamedikamenten, eben weil sie ihren Absatzmarkt primär in armen Regionen haben, nicht sehr groß ist; Produktion und Forschung an Mitteln gegen Haarausfall oder gegen Impotenz sind für die pharmazeutische Industrie mit weit mehr Profit verbunden. Wirtschaftlich ist das Nichtproduzieren von von Malariamedikamenten also mindestens so sinnvoll, wie es ethisch verwerflich ist.

Und vielleicht gerade deshalb hat die WHO vor ein paar Jahren ein Programm gestartet, in dem der Malaria der Kampf angesagt wurde, und dessen Ziel ein hochgestecktes ist: keine Todesfälle durch Malaria im Jahr 2010 nämlich. Nun, im Jahr 2008, lässt sich eine erste Bilanz dieser Unternehmung, die an verschiedenen Fronten kämpft (das fängt bei der Bekämpfung des Vektors an und hört bei der Subventionierung von Medikamenten sowie Aufklärungskampagnen auf) ziehen, mit einem fast vernichtenden Ergebnis: Die Zahl der Neuinfektionen ist gestiegen, die Zahl der jährlichen Todesfälle ebenfalls. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Armut, bedingt durch steigende Preise und Rohstoffknappheit, in den betroffenen Gebieten zugenommen hat - ein weiterer trauriger Beweis für die Enge Verknüpfung von Gesundheit und finanziellem Wohlstand Krankheit und Armut.
Und ein weiterer Beweis dafür, dass wir dem hohen Anspruch an eigene Menschlichkeit, den wir uns als Weltgemeinschaft selbst diktiert haben, noch lange nicht gerecht geworden sind.
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Mittwoch, 23. april 2008
Wer kennt das nicht: Man sitzt vorm Fernseher und auf einmal erklären einem halbwegs seriös aussehende Zahnmediziner/-innen, dass man unbedingt Sensodyne oder Elmex oder meinetwegen Blendamed zur Zahnpastamarke der eigenen Wahl deklarieren und sich gefälligst mit der Oral-B-irgendwas Zahnbürste die Zähne schrubben soll - aber nur, wenn Doktor Best den Schwingkopf abwendet und wegguckt.

Wir werden heute mit Mythen und Propaganda im Bereich der Zahnmedizin als Ottonormalmenschen dermaßen zugeschüttet, dass ich hier kurz die Gelegenheit ergreifen will, auf ein paar wichtige Fehler hinzuweisen. Wofür studiert man den Mist sonst auch..

Obst ist gesund und schadet den Zähnen nicht. Das ist insofern richtig, dass Obst als Ballaststoff und Vitaminlieferant in der Tat gesund ist; allerdings macht der hohe Gehalt an Säuren einige Früchte (z.b. Äpfel) zu Feinden des Zahnschmelzes - der demineralisiert nämlich durch die Säuren und geht nach und nach verloren.

Nach dem Essen Zähne putzen! Das ist im Prinzip zwar richtig, allerdings muss man das Ganze einschränken: Wenn dazu Cola getrunken oder ähnlich saure Lebensmittel konsumiert wurden, gilt: ein paar Minuten warten, damit wir uns den Zahnschmelz, der durch die Säuren angelöst wird, nicht wegputzen.

Mundduschen reicht völlig aus. Das stimmt nicht - eine Munddusche fühlt sich zwar angenehm an, dienst aber allerhöchstens dem grobe Anlösen größerer Speisereste und nicht der Mundreinigung!

Wenn ich ein Gebiss habe, schmeiß ichs einfach in so eine Spüllösung! Das ist auch grober Unfug, die Lösung ätzt die Speisereste und den Zahnbelag ja nicht weg - putzen muss man seine Prothesen schon selbst.

Elektrische Zahnbürsten sind den einfachen überlegen! Das ist auch Ansichtssache - man kann mit normalen Bürsten genauso effektiv putzen wie mit elektrischen; letztere bieten sich vor allem für in ihrer Bewegung eingeschränkte Personen an.

Ich hab ja keine Zahnschmerzen, also geh ich nur alle paar Jahre zum Zahnarzt - und das ist richtig so.
Theoretisch mag das Sinn machen, praktisch ist dieser Gedankengang allerdings nicht schlau: bei den Routinekontrollen geht es ja primär um Früherkennung von Defekten und nicht um eine Sofortbehandlung von akuten Schmerzen. Prävention und Prophylaxe sind, in diesem Fall, alles - und allemal günstiger als das Beheben von Defekten, die man sonst im Anfangsstadium noch gefunden und beseitigt hätte.
 
Dies Liste lässt sich fortsetzen, z.b. zum Thema Zahnfleischentzündungen, freiliegende Zahnhälse, Prophylaxe - allerdings ist es schon spät und ich belasse es für heute bei einem kurzen Gute Nacht. Und Zähneputzen nicht vergessen! Wobei, doch: vergesst es. Dann hab ich später wenigstens was zu tun..

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Sonntag, 20. april 2008

































Für die unter uns, denen es nicht bewusst ist: heute ist der 20. April, und wieder einmal jährt sich der Geburtstag eines gewissen Österreichers, der die Welt mit Krieg überzogen und uns mit der Erbschuld gesegnet hat.
Grund genug, wieder einmal festzuhalten, dass die Vergangenheit und vor allem die Lehren, die wir aus ihr ziehen können, lebendig bleiben muss - und zwar historisch korrekt und unverfälscht; wenn die letzten Jahrzehnte eines möglich gemacht haben sollten, dann Objektivität in der Retrospektive, abseits von Glorifizierung und Verteufelung, wie sie uns heute als Extreme desöfteren begegnen.
Erinnern wir uns also nochmals der Geschichte. Erkennen wir uns noch einmal selbst. Und lernen wir daraus.



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Sonntag, 20. april 2008
So, es ist Sonntag, die erste Woche an der Uni ist mehr oder weniger erfolgreich zu Ende gegangen, und morgen startet der zyklische Arbeitshorror von Neuem. Grund genug, kurz die letzten Tage Revue passieren zu lassen:

Montag: Einschreiben um 13:30, viel zu früh für einen sich gerade an einen angenehmen Nachtrythmus gewöhnt habenden Studenten, der um 6:00 Uhr die Rolläden runter und ab 13:00 dann variabel selbige wieder nach oben fährt.
Am Tor zur Hölle Vorklinik angekommen dann die ersten neuen Gesichter, ein kurzes, zaghaftes "Hallo" und rein da, auf der Suche nach schon bekannten. Die finden sich auch, und schon fällt die Anfangsanspannung ein wenig ab - allerdings nur ein wenig. Und schon ist sie da, die Platzauslosung, ah, 10 Leute gehen leer aus, gut, nicht mein Pech, Glück gehabt, vielleicht überlegt sich die Uni ja auch irgendwann mal, wie man die Kurse so organisiert, dass man nicht jedesmal 10 Durchfaller dabei hat, die einen unbedingten Platzanspruch haben.
Und ich hab ihn wieder, meinen Platz, die 1, hallo, lange nicht gesehen, ich bin wieder da, für ein Semester. Das letzte.
Dann folgt das obligate Herangeschleppe des Werkzeugs, gefühlte 40kg über gefühlte 2km, in der Realität also 3-4 Tüten und ein Werkzeugkoffer 500 Meter zur Vorklinik, nun dann noch geschickt einräumen - was braucht man eigentlich für die erste Woche? Egal, rein damit, die Schubladen sind kleiner geworden, so kommt es mir jedenfalls vor, und schon ist er rum, der erste Tag.

Dienstag: Uah, aufstehen um 06:40, Bauchweh, na bravo, und dabei ist doch Vorlesung gleich heute morgen, naja, bis ich los muss geht das wieder, hoffentlich.
An der Vorklinik dann großes Hallo, viele bekannte Gesichter, vielleicht wird das Semester doch nicht so schlimm, sind ja viele nette Leute dabei.. Dann die Vorlesung, und spätestens jetzt ist klar: Die Bauchschmerzen bleiben. Und die Vorlesung hat 140 Folien. Ohgott, das wird ewig dauern. Glücklicherweise geht alles mal rum, so auch diese Vorlesung, und schon ist Mittagspause. Man eilt kurz nach Hause, trinkt ein wenig, guckt ein wenig Fern, und schon gehts wieder weg, arbeiten, loslegen. Damit das besser wird, diesmal.

Mittwoch: Das wird besser diesmal, es läuft. Zumindest fühlt es sich so an. Natürlich fühle ich mich geistig halbtot,
bin es wohl auch, das Frühaufstehen ist ja sehr toll das allerletzte und wird mich wohl noch ein wenig verfolgen. Aber erstmal muss ja gearbeitet werden. Gipsmodelle, individuelle Löffel, es geht gut los. Und offenbar wird man wohl doch noch irgendwo gebraucht, zumindest wird öfter nach Hilfe und Rat gefragt, und man tut, was man kann, um den Kommilitonen das eigene Schicksal zu ersparen. Das macht die Tage zwar nicht weniger anstrengend, aber man fühlt sich definitiv besser, wenn man am Ende des Tages müde auf dem Sofa liegt und nur verächtlich die Lehrbücher anstarrt.

Donnerstag: Schaffe, schaffe, schaffe. Bisher keine großen Fehler gemacht, ich liege im Zeitplan, lerne nun auch die unbekannten Gesichter kennen, vergesse die Namen natürlich sofort wieder - so kanns gern weitergehen.
Nur der Magen könnte mal ruhig sein..
Daheim dann wie gewohnt erschlagen, kein Lernen, kein Klavierspielen und erst recht kein anstrengender Sport.
Man schicke mir einen Koch. Und eine Haushälterin. Möglichst alles vereinigt in einer hübschen jungen Dame.
Ach, als ob.

Freitag: Ha! Fast mit dem selbst gesteckten Ziel fertig geworden - aber nicht ganz. Und gerade jetzt ist Feierabend, dabei bräuchte ich noch 2 Arbeitsschritte, die nun gut laufen müssten, damit ich ruhig schlafen kann.. aber das ist mir nicht vergönnt.
Also, 12:00, Schluss, weg mit euch Studenten ins Wochenende, weg mit mir ins Kaufland, schön durch den eine Horde Hausfrauen prügeln bis zur Kasse, Vorräte anhäufen fürs Wochenende - und dann Feierabend.

Samstag+Sonntag: Ich kann nicht mehr ausschlafen. Um 8 Uhr liege ich wach im Bett. Adieu, Selbstbestimmung des eigenen Tages, hallo Routine. Außerdem bin ich wohl verblödet, Lernen fällt schwer, das Hirn ist wohl eingerostet. 
Und es ist zu kurz, viel zu kurz. Schon ist wieder Sonntag Abend, und ich wundere mich, wo die Woche
hin ist. Und das Wochenende vor allem. Aber gut, wenigstens kann ich morgen endlich meine Meistermodelle machen, da wird sich dann entscheiden, ob ich nochmal einige vorausgehende Arbeitsschritte neu machen oder aber mit der anschließenden Arbeit fortfahren darf. Ich hoffe letzteres. Das macht mich jetzt noch nervöser als die letzten zwei Nächte.
Hoffentlich kann ich schlafen.
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Sonntag, 13. april 2008
Jaha, heute wage ich mich weit hinaus, in die Welt der Religion nämlich; primär, weil es auch einmal gilt, die eigene Wirklichkeitsauffassung ein wenig darzulegen, immerhin ist ein blog ja gerade dazu da, ein wenig der eigenen Gedankenwelt verschriftlich in die Welt hinaus zu werfen.
Die meisten Menschen glauben heute an etwas, sei es Gott, das fliegende Spaghettimonster oder eben, dass es diesen Gott gar nicht erst gibt; letztlich krankt allerdings gerade die letzte Auffassung dadurch, dass sie sich dem verleugneten Überwesen und dem Beweis seiner Nichtexistenz so exzessiv widmet; immerhin sind die erbrachten Beweise der Existenz und Nichtexistenz rein wissenschaftlich allesamt nicht 100% falsifizierbar.
Für jene, die das nicht stört, wird die Existenz Gottes oder eben die Ablehnung dieser Annahme zur dogmatischen Lebensauffassung - darin unterscheiden sich beide Antipoden schonmal nicht.
Mir persönlich kam die Versteifung auf zwei Gegensätzliche, bisher nicht beweisbare Annahmen, schon immer sehr seltsam vor - letztlich sind beide Konzepte Annahmen, denen man sich, je nach persönlicher Prädisposition, eben unterordnet, was sie nicht davon abhält, das zu tun, wofür der Mensch sie erfunden hat: dem Leben irgendwo einen Sinn zu geben nämlich.

Was bleibt jemandem also, der sich diese beiden Antithesen anschaut, und feststellt: "Zum momentanen Zeitpunkt ist das alles nicht beweisbar."?
Die Antwort stellt der Agnostizismus dar, eine Strömung, deren Grundannahme die Nichtbeweisbarkeit der Existenz eines höheren Wesens darstellt, und die sich dadurch den leidigen Grabenkämpfen, denen man sich desöfteren Ausgesetzt sieht, elegant entledigt.
Allerdings unterscheidet man hier jene, die wie ich glauben, dass der Beweis für oder gegen Gott womöglich doch irgendwann in ferner Zukunft endgültig erbracht werden kann (schwacher Agnostizismus) und solche, die das generell für unmöglich halten, da sich die Fragestellung der menschlichen Begriffsmöglichkeit komplett entzieht (starker Agnostizismus).
Interessant am Agnostizismus ist nun, dass er durchaus einräumt, dass ein Beweis, der 100% falsifizierbar ist, wenn er denn jemals gefunden werden sollte, die persönlichen Realitäten deutlich verändern wird; die Überzeugung, dass selbst die Existenz Gottes, wäre sie bewiesen, keinen Punkt unserer Existenz beeinflussen würde, eine vom Agnostizismus abweichende Strömung also, bezeichnet man dann als Ignostizismus.

Warum ich nicht empfänglicher für die Idee eines Überwesens, dem ich alle Schuld an den Problemen des Lebens, an jeder falschen Entscheidung zuschieben könnte, und das mir die Fehler, die ich selbst mir nicht zu vergeben im Stande bin, freudig vergibt, wie es vom Christentum propagiert wird, ist mir selbst nicht ganz klar; es mag daran liegen, dass das, was ich vom Leben fordere, vor allem Antworten, begründete, verständliche und überprüfbare Antworten, sind. Und die finden sich in der religiösen Grundsatzdebatte eben selten.
Vielleicht verpasse ich da was. Vielleicht auch nicht. Dafür fehlen aber wieder die Beweise...


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Samstag, 12. april 2008
Vermutlich kennt das jeder: Man geht aus dem Haus, und kaum ist man 5 Meter entfernt, beschleichen einen Gedanken a la "hab ich den Herd angelassen?" "ist die Tür auch wirklich abgeschlossen?" "tropft der Wasserhahn vielleicht nach?".  Dass man sich ab und an da nicht ganz sicher ist, ist nichts ungewöhnliches und völlig normal.
Anders ist das jedoch, wenn man sich dies jedesmal fragt. Und jedesmal zurückgeht, um zu kontrollieren, ob man Recht hat - hier trennt sich schon krankhaftes Verhalten vom normalen Habitus.
Geht man nun beispielsweise, obwohl man es schon kontrolliert hat, nochmal zurück, dann ist man eingetreten in jene schöne Welt, die wir als Zwangsneurotik kennen, bekannt vielleicht durch Filme wie Besser gehts nicht oder Serien wie Monk.
Der Ursprung von Zwangshandlungen wie diesen liegt meist in Zwangsgedanken, also eben jenen beispielhaft oben schon geschilderten Vermutungen, die man nicht abschütteln kann, die immer wieder kommen und einen so sehr zu peinigen beginnen, dass man ihnen nachgibt.
Und gerade durch dieses Nachgeben bringt man sich noch mehr in die Bredouille - denn sind die Zwangsgedanken (die durchaus auch andere Themen, z.B. die Frage nach dem Wohl eines nahestehenden Menschen haben können) erst einmal mit entsprechenden Handlungsroutinen verbunden, beginnt der Einfluss auf das wirkliche Leben erst richtig.
Nehmen wir zum Beispiel Zahlenzwänge - Menschen damit müssen bestimmte Handlungen nach bestimmten Zahlen vollziehen, sich z.B. immer 3x die Hände waschen. Oder 3x nachprüfen, ob der Ofen auch wirklich aus ist. Allerdings bleibt es bei diesen auf Zahlen basierten Handlungen normalerweise nicht bei kleinen Zahlen - je nach Affinität zu bestimmten Zahlen (z.B. Primzahlen) wird die Anzahl der Repititionen mit der Zeit größer - die Zwangshandlung nimmt einen immer größeren Raum im Leben ein.
Man könnte nun einwenden, dass man diesem Drang ja nicht Folge leisten muss - dem entgegen steht, dass Patienten einerseits dem Drang kaum widerstehen können, andererseits ein Nicht-ausführen des Ganzen oft zu körperlichen Symptomen führt.
Spätestens dann hat sich die Krankheit verselbständigt - das Ausführen der oft sehr zeitintensiven und komplexen Verhaltensmuster kostet Kraft und Zeit und macht nicht selten zum Außenseiter, das Verweigern der Ausführung resultiert in körperlichem Schmerz. So oder so - man bleibt krank.
Oft treten verschiedene Gedanken und Neurosen zusammen auf, und eine Therapie ist vor allem dann recht aussichtslos, wenn der Patient schon jeglichen Widerstand aufgegeben hat - dem Krankheitsbild dann verhaltenstherapeutisch beizukommen ist schwierig.
Erwähnenswert ist diese Symptomatik vor allem, weil wir alle uns dem raschen, stresserfüllten Leben, das in der heutigen Zeit geradezu an uns vorbeizurauschen scheint, entgegenstellen, indem wir bestimmte Bereiche unseres Lebens mit kleinen Ritualen belegen, sei es das Ausspülen der Zahnbürste oder die Reihenfolge, in der man das Licht im Zimmer löscht - jeder wird zumindest ein kleines Ritual, eine kleine Routine in seinem Leben erkennen, mit der er sich eine Art ruhenden Pol, ein wenig Konstanz im unsicheren heute, wahrt.
Und gerade die Tatsache, dass wir diese kleinen, unbedeutenden Ticks haben und ihnen nachgehen, ist Beweis dafür, dass wir dem oben geschilderten Krankheitsbild leichter zugänglich sind, als wir vielleicht meinen. 
Wenn es soweit ist, haben wir dann hoffentlich genug Kraft und Geistesgegenwart, uns selbst 
dagegen zu wehren. Oder eben genug Geld für einen guten Psychiater.
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Freitag, 11. april 2008
Auch heute geistert sie zumindest bei uns wieder durch die Schlagzeilen, das Schreckgespenst aller religiösen Fundamentalisten jedweder Konfession und der Berufsethiker: die Stammzelle.
Und auch in der Gesellschaft ist er wieder angeregt, der Diskurs, und jeder will mit diskutieren, egal wie lückenhaft das eigene Halbwissen auch ist - die heutige Entscheidung des Bundestages zur Verschiebung des Datums, vor dem eine Stammzelllinie (ja, man schreibt das heute so, und es sieht fürchterlich aus) entstanden sein muss, um sie einzuführen (zum Sinn dessen später) soll mir Anlass sein, dieses Thema ein wenig zu betrachten.

Zuerst müssen wir uns natürlich fragen: Was ist das eigentlich, eine Stammzelle? Dazu schauen wir uns einmal unseren Organismus an und stellen fest, dass es nicht nur eine Art von Zellen gibt, aus denen wir bestehen, sondern viele, viele verschiedene: das fängt bei den Nervenzellen an, die ja auch nochmal verschiedene Unterteilungen erfahren, dann gibt es die Muskelzellen, die der Haut, des Herzens, die des Bindegewebes, und das geht eine Weile so weiter - wir bestehen jedenfalls aus verschiedenen Zelltypen, die verschiedene Aufgabe wahrnehmen.
Und diese Zellspezialisierung entwickelt sich erst mit der Zeit - vor diesen kleinen Spezialisten steht eine Reihe von Vorläuferzellen, aus denen sie entstehen.
Diese Vorläufer, zelluläre Stammesväter quasi, haben nun die Eigenschaft, dass sie sich in eine mehr oder weniger große Zahl dieser Spezialisten weiterentwickeln können - diese Fähigkeit zur Differenzierung zeichnet Stammzellen aus. Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten, diese Stammzellen zu qualifizieren, eine davon ist die nach der Potenz, also in welchem Maß sie sich weiterentwickeln können: da gibt es die Ursprungszellen, kleine Alleskönner, die man als totipotent bezeichneit, und aus denen quasi jede Zelle entstehen kann; ihnen folgen dann die pluripotenten Zellen, die sich noch zu einer mehr oder weniger großen Zahl verschiedener Zelltypen differenzieren können. Es gibt natürlcih auch Stammzellen, deren Entwicklungsweg so eingeschränkt ist, dass er nur in eine einzige Richtung führt (z.B. bei der Entwicklung einiger Zellen des Blutes).

Dass es schwierig ist, so eine totipotente Zelle von einer pluripotenten zu unterscheiden, kann man sich vermutlich vorstellen, erschwert wird das Ganze allerdings durch eine vernachlässigte Tatsache: Man muss sie ja erst einmal finden. Nicht, dass man mit totipotenten Stammzellen heute schon sehr viel anfangen könnte, die Forschung arbeitet da eher mit pluripotenten Zellen, aber dennoch: auch die wollen gewonnen werden. Dafür gibt es nun verschiedene Möglichkeiten, oder sagen wir besser: Quellen.
Einmal kann man verschiedene adulte (=vom erwachsenen, ausgereift) Stammzellen gewinnen:
Für die Stammzellen des Blutes und Immunsystems lässt sich das Rückenmark anzapfen, aus der Haut lassen sich ebenfalls Zellen, die wieder zur Pluripotenz zurückgeführt werden können (das ist zumindest der Ansatz einer bekannten Forschungsgruppe in den USA) gewinnen, außerdem werden auch Ansätze verfolgt, normale Zellen in den Zustand vor ihrer Differenzierung zurückzuführen und ihnen eine gewisse Entwicklungspotenz zurückzugeben.
Vorteil der adulten Stammzellen ist, neben der Tatsache, dass hier die Ethikdebatte nich beschränkend auf die Forschungsgruppen und -Ziele wirksam werden kann, die leichtere Kontrollierbarkeit - immerhin ist es schwierig genug, einer Zelle, die sich in 15 andere entwickeln könnte, vorzugeben, welche genau das nun sein soll; bei potenteren Zellen mit noch mehr möglichen Entwicklungswegen wird das naturgemäß schwieriger.
Aber eben jene Zellen ermöglichen gerade durch ihre vielfältige Entwicklungspotenz wichtige Grundlagenerkenntise über die Manipulation der Zellentwicklung, da hier wichtige Schalter, die einen Weg zurück oder in andere Richtungen verhindern und in der adulten Forschung Hindernsse darstellen, noch nicht umgelegt worden sind.

Da die Gewinnung dieser Zellen bisher allerdings nur aus Embryonen, der Ursubstanz unserer selbst quasi, möglich ist, tun sich naturgemäß ethische Abgründe auf, auf die ich hier, mit ihren legislativen Folgen, nur kurz anreißen möchte.
Basis des ganzen Dilemmas ist hier wieder einmal die Definition des Beginns menschlichen Lebens, über die, bedingt durch unterschiedliche (traditionelle) Ansichten über die Definition des Lebens selbst, keine Einigung herrscht und wohl so schnell auch keine Einigung herrschen kann; dennoch muss hier ein Konsens gefunden werden, wenn in einer immer technokratischeren Gesellschaft die Forschung in geordneten und, vor allem, regulierten Bahnen weitergehen soll - dass das Verbot einzelner Forschungsfelder letztlich nicht zu ihrer nicht-erforschung, sondern einfach zur Abwanderung der Wissenschaftler in Regionen, in denen man sich um verantwortungsbewussten und moralischen Umgang mit der entsprechenden ebensowenig schert wie um Menschrechte, sieht man immer wieder an den Ankündigungen über Klonversuche am Menschen.
Aber zurück zum Thema.
Die erste Frage, die sich stellt, wenn man über die Erzeugung menschlicher Embryonen spricht, ist die nach dem Zweck. Es ist einsehbar, dass das Heranzüchten von Embryonen nur zur Forschungszwecken eine Vorgehensweise wäre, über die man wirklich streiten kann (und ich merke hier an, dass ich derartiges ablehne).
Allerdings erzeugen wir in unserer technokratischen Gesellschaft, die den Einzelnen in all seinen Freiheiten unterstützt, auch der der Fortpflanzung, jährlich viele Embryonen, von denen weit mehr wieder beseitigt werden, als man benötigen würde, um die Forschung weltweit mit entsprechendem Material zu versorgen.
Das ist einer der Punkte, der mich an unserer Gesellschaft immer wieder zweifeln lässt - wir 
unterstützen Menschen darin, für sich in Fertilitätskliniken Embryonen heranzüchten zu lassen, wohl wissend, dass dabei gut 300% mehr an Zellmaterial entsteht, als letztlich benötigt wird, und dass dieses dann einfach entsorgt wird, stören uns aber daran, wenn man eben jene Zellen, anstatt sie wegzuwerfen, zur Forschung verwenden will, was ihrer "Existenz" dann doch zumindest noch einen Zweck abseits des "Daseins" als Ausschussware zugestehen würde.
Natürlich spielt auch hier wieder das Problem der Forschung am Menschen selbst herein, aber dennoch sollte man sich darüber einmal kurz Gedanken machen; in vielen Ländern tut man das, und dort fordern die Patienten in Fertilitätskliniken nicht selten, dass es an ihnen sein sollte, zu entscheiden, was mit den von ihnen nicht mehr benötigten Embryonen passieren soll. Irgendwie drängen sich einem da (leicht unangebrachte) Parallelen zum Transplantationswesen auf..

Wie regelt man nun heute hier und in der Welt die Forschung an Zellen? Zum Großteil über das Alter der Zelllinien, an denen experimentiert wird - in Deutschland durften bis heute nur Linien, die vor 2001 enstanden sind, zur Forschung verwendet werden; damals steckte die Forschung und Klonierung allerdings noch in den Kinderschuhen, die Zelllinien sind meist verunreinigt und erlauben keine aufwändige und vor allem aufschlussreiche Forschung, was viele deutsche Forscher ins Ausland trieb, vor allem in Richtungen jenseits des Atlantik. In den USA wird über das Zelllinienalter die Bezuschussung geregelt, mit entsprechenden finanziellen Mitteln lässt sich dort dennoch auch mit neuen Linien und in großen Freiräumen forschen.
Mit der heutigen Regelung ist das Datum, vor dem eine Zelllinie entstanden sein muss, um sie in Deutschland verwenden zu dürfen, allerdings auf den 1.5. 2007 verschoben worden, denn auch wenn man bei uns keine Stammzellen erzeugen darf, so hat man sich doch zumindest schon bei Verabschiedung des ersten Gesetzes die Lücke offen gelassen, die die Einfuhr erlaubt - ob man sich ethisch dann für jene, die von Mord an zukünftigen Menschen sprechen, damit weniger schuldig macht, ist allerdings zu bezweifeln.
Was man allerdings immer beachten muss, wenn man, so wie ich, gewisse Freiheiten für die Forschung fordert, ist die Tatsache, dass vor allem die Medizin hier eine dunkle Geschichte hat - wer heute die "Forschung" eines Gregor Mendele betrachtet, dem wird schnell klar, dass ein Land, das die NS-Medizin hinnahm, gut daran tut, in ethischen Fragen langsam und bedächtig zu entscheiden.

Dennoch: entschieden werden muss trotzdem. Das tut man allerdings am Besten immer anhand einer Abwägung mit den Nutzen des Ganzen, und da schaut es - bisher - noch recht Mau aus, da die Forschung nur langsam ihren Kinderschuhen entwächst. Immerhin wird die Stammzelltherapie z.B. bei Leukämie schon seit langem erfolgreich zur Therapie genutzt, was vor allem daran liegt, dass das Blut als Organ leichter zu erreichen ist und eine bessere Verteilung ermöglicht; Stammzelltherapie einzelner Organe ist zwar vielversprechend, aber noch ist die ganze Maschinerie, die dazu kontrolliert werden will, noch zu schlecht verstanden.
Dass wir uns irgendwann aus unseren eigenen Zellen ein Herz züchten lassen können, das uns einmal das Leben rettet, ist also pure Zukunfsmusik - noch. Man darf nie vergessen: Es gab auch einmal eine Zeit, in der man es für unmöglich hielt, ein Organ von einem Menschen in einen anderen zu verpflanzen. Oder mit einem Schimmelpilz schlimme Erkrankunen zu heilen, eine Hand anzunähen, am Hirn zu operieren.
Ob der Stammzellforschung eine so große Zukunft bevorsteht, wie die Visionäre denken und ich es hoffe, bleibt abzuwarten - aber für jede Möglichkeit auf eine bessere Zukunft, mit besserer Medizin, lohnt es sich, zu debattieren, zu streiten und zu kämpfen.


von aeskulap - veröffentlicht in: Studium
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