Wer kennt das nicht: Man wird älter, und immer öfter blickt man voraus, zurück, beäugt angestrengt das jetzt und hier, vergleicht, schlussfolgert, alles auf der suche nach dem einen, das sich
so schwer fassen lässt: sich selbst.
Heute ist wieder einer dieser Tage; das Wetter lässt das erste Mal auf Besserung schließen, und man holt die Stücke aus dem mp3-folder, die einen schon das ganze Leben begleiten; und während man
sich wieder fühlt wie 15, blickt man zurück und stellt fest, wie wenig die eigene Realität doch mit dem übereinstimmt, was man sich irgendwann einmal ersonnen, oder vielleicht auch im
jugendlcihen Eifer zusammengesponnen hat. Und während Dendemann von der Omi aus dem ersten Stock erzählt, schaut man sich an, wo man so steht. Und das macht nachdenklich.
Vor ein paar Jahren schien die Welt noch in Ordnung - da war man gerade 15, machte seine mittlere Reife, ging
dann ins Ausland, schnupperte mit 16 das erste Mal die süße Luft der höheren Bildung an einer amerikanischen Universität, hatte das erste Mal diese Hoffnung, dass man die eigenen
Träume und Ansprüche halbwegs erfüllen könnte, erfuhr das erste Mal Liebe, Verlust, wirkliche Freundschaft, kehrte zurück und nahm an, dass alles fröhlich so weiter gehen würde.
Wenn es jedoch eine konstante Eigenschaft des menschlichen Intellekts gibt, dann die, dass er gern
mal irrt; es ging noch eine Weile ganz gut weiter, doch die Noten wurden etwas schlechter, und ich traf die Entscheidung, die ich wohl ein Leben lang bereuen werde - die für die
Medizin, und gegen die Musik; begründet war das natürlich maßgeblich dadurch, dass ich den Kampf um mein Selbstbestimmungsrecht innerhalb
der Familienhierarchie verloren hatte; das erste Mal im Leben wäre es an mir gewesen, mich durchzusetzen, aber leider ist man oft gerade dann, wenn von einem Stärke gefordert wird,
erschreckend schwach. Mit dem, was daraus folgt, muss man dann allerdings auch leben.
Zugegeben, ich hatte bis dahin die Hoffnung, vielleicht doch noch zum Berufsklimperer und
Stäbchenschwinger zu werden,und hätte ich alles kommen sehen, wären meine schulischen
Leistungen sicher besser ausgefallen - möglich gewesen wäre das jedenfalls.
Damit wäre mir dann auch der nächste Ausflug ins Ausland erspart geblieben; im Nachhinein bereue ich ihn keinesweges, aber es wäre alles etwas anders ausgegangen, wenn ich vom Fach Medizin
überzeugt
gewesen wäre - die stumme Weigerung hat sicher das ein oder andere vergeblich angetretene Prüfung nach
sich gezogen. Dass das Ganze dann durch meinen besten Freund, die Gesundheit, zu einem jähen Ende gebracht wurde, und nicht durch intellektuelles Unvermögen, ärgert und
frustriert mich noch heute. Wenn man schon versagt, dann doch bitte auch zu Recht und aus eigener Kraft.
Folgerechtig dann, sich trotz des tiefsitzenden Gefühls des Versagens, oder gerade deswegen, wieder zurück in die Medizin schwingen zu wollen. Immerhin hatte man sich ja mittlerweile nicht nur
ab-, sondern auch eingefunden, 2 Jahre harte Schule an einer selbsternannten Eliteuni sollen ja nicht umsonst gewesen sein. Allerdings verlor ich auch hier einen Kampf - diesmal gegen die
Vergabestelle für Studienplätze, die mich eines Platzes nicht für würdig hielt; ein Blick auf mein Abiturzeugnis schien dort zu genügen. Ein Grund mehr, Deutschland nicht zu mögen.
Doch in der Not frisst der Teufel fliegen, und in meinem Fall: Zahnmedizinstudienplätze.
Man könnte nun Fragen, was das hier eigentlich alles soll gerade, die Vergangenheit aufarbeiten kann man doch auch woanders, dafür muss ein blog nicht herhalten, außerdem ist das recht privat und
wildfremde Menschen könnten es lesen; dazu kann ich nur sagen: Als ob wildfremde Menschen auf diese Seite kämen! Und der Rest, nun, aufgearbeitet ist das alles schon seit langem - aber wie bei
allen Fehlern, die man macht, gilt auch hier: man muss sie sich immer wieder vor Augen führen. Denn nicht die richtigen Entscheidungen definieren unser Leben und verfolgen uns, sondern die
falschen.
Interessanterweise ist die Situation heute ähnlich abstrus wie damals im Ausland, nur in sich verkehrt - mittlerweile steckt mein Herzblut in der Medizin, und nichts würde mich glücklicher
machen, als in ihrem Auftrag hunderte von Seiten in mein Hirn zu hämmern; aber nein, ich muss Zähne beschleifen. Oder aufwachsen. Oder die Namen handelsüblicher Desinfektionsmittel auswendig
lernen. Oder..irgendeinen anderen Unfug, der noch uninteressanter ist. Macht das glücklich? Nein. Spaß macht es auch nicht. Aber muss es sein? Das schon. Denn viele Wege führen nach Rom, so auch
zur Medizin; einige davon sind allerdings beschwerlich. Und zwar sehr.
Damit sind wir nun auch nach einigen Absätzen am Kernthema angelangt: der momentanen Situation. Und die
nervt - natürlich - gewaltigst. Immerhin darf ich nun wiedermal einen Kurs in der Vorklinik wiederholen.
Interessanterweise allerdings nicht aus den Gründen, die früher für meine universitären Fehlleistungen verantwortlich waren, also Unvermögen und Unwissen, sondern durch einen treuen Gefährten,
der mir seit 3 Semestern treu zu Seite steht: das Pech. Und wo kann man ihn weniger brauchen, diesen treuen Freund, als in einem Fach, das praktische Arbeiten beurteilt und praktisches,
fehlerfreies Können sehen will und benotet.
Bisher habe ich mich damit abgefunden und mein Haupt unterwürfig dem Moloch Studium gebeugt; habe fleißig 40h pro Woche in der Universität gehangen, 30h Bücher gewälzt, und allem, was das Leben
außerhalb dieses Mikrokosmos noch zu bieten hatte, abgeschworen, in dem Wahn, all das, was man sonst noch von mir fordert, erfüllen zu müssen: sei es regelmäßiger Sport, Bildung in allen
Richtungen, oder eine Kurzhaarfrisur - ich glaube, sagen zu können, dass ich da nichts unversucht gelassen habe. Viel geholfen hat es allerdings, leider, nicht.
In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass derartige Bessesenheit von Leistung, die mit einer gehörigen Portion Selbstaufgabe einhergeht, vor allem eins macht: einsam. Wirft man alles, was einem
an Zeit bleibt, einer bestimmten Person entgegen, und für mehr als eine reicht es in der Tat nicht, bisher wenigstens, so findet man
sich, wenn sie auf einmal fehlt, allein und unverstanden; da ich, auch deswegen ist dieser Artikel nun etwas offener, nicht gerade zu den unverschlossenen Persönlichkeiten zähle, lässt sich das
sich-nicht-verstanden-fühlen auch nicht schnell ändern. Aber die Einsamkeit, die lässt sich bekämpfen.
Dieses Semester also steht über all dem, was man sich aufbürden lässt, über all jenen Anforderungen, die man an sich selbst stellt, über all der Kraft, die man verschwendet, um als elitär gelten
zu können, eine einzelne Forderung: die nach einem Leben. Einem, an dem man nicht die nächsten 12 Tage auf den Lernplan reduzieren kann und schon vorm Schlafengehen vom nächstn Tag entnervt ist.
Einem, das einem nach einem 10km-lauf nicht irgendwelche Ökodrinkscheiße, sondern ein gemütliches Bier gönnt. Einem, in dem das eigene gesundheitliche Weichflötentum zurücksteht - einem wie
damals, mit 15. Nur erwachsener. Arbeitsamer. Älter. Kindischer.
Drum ist es auch Zeit, das eigene Bild von sich selbst zu überarbeiten, weg vom sturen Theoretiker, weg vom
House-Nachahmer hin zu einer neuen Vision vom Alltag mit Spaß - ein
bisschen mehr
Scrubs im wirklichen Leben, quasi. Auch wenn diese Serie mich schon lange nicht mehr zum Lachen bringt. Vielleicht bald wieder.
Also, Leben, zieh dich warm an, jetzt kommt der Aes. Auf dass ers durchhält.