Mittwoch, 12. märz 2008
Das Semesterprojekt schreitet voran, und endlich gibt es auch wieder ein Buch zu besprechen, diesmal die Biographie einer uns auch heute wenigstens noch namentlich bekannten Persönlichkeit des 16.
Jahrhunderts :
Maria Stuart, Königin von Schottland, ehemals auch Königin von Frankreich, bekannt vor allem durch das Ende ihres Lebens als erste Königin von Gottes Gnaden, die von weltlicher Justiz (hin-)gerichtet wurde.
Allen inhaltlichen Besprechungen voran muss hier gestellt werden, wie undankbar Zweigs Aufgabe in diesem Fall war - Maria Stuart gehört zu jenen historischen Persönlichkeiten, deren Leben über die Zeit eine Legendarisierung erfahren hat, die es, einige Jahrhunderte später, sicher schwierig macht, historischen Fakt von bloßer Dichtung, sichere von unsicherer Quelle, Beschönigung und Wahrheit voneinander zu trennen; nicht zuletzt kann man davon ausgehen, dass, als Mitglied des Hochadels, Königin und Mutter von James I., der die Königreiche England und Schottland durch seinen Thronanspruch einte, ihre eigene Geschichte auch durch ihre Nachfahren eine Bereinigung erfahren hat.
Zweig geht daher, dem eigenen Anspruch auf klares, unparteiisches Urteil folgend, einen Mittelweg, erklärt, warum und wie er welche Quelle gewichtet, lässt aber, wenn man sich einer Darstellung nicht sicher sein kann, auch andere Deutungen geschickt einfließen; am Ende seiner Bemühungen steht ein Buch, dass, soviel sei schon einmal verraten, mit von ihm gewohnten historischem Pathos, nicht nur das Leben Maria Stuarts nachzeichnet, sondern auch all die an ihrem Leben Anteil habenden historischen Gestalten lebendig werden lässt.
Das ist auch dringend notwendig, denn, wie so oft bei politischen Persönlichkeiten, all die Wendungen ihres Lebens, all die Intrigen, in die Maria Stuart sich selbst verwickelt oder hineingezogen wird, werden nur verständlich, wenn man auch ihre Feinde, Widersacher und Freunde (ersterer gibt es mehr, letzterer weniger), kennen lernt; nur so lässt sich Maria Stuarts Untergang auch politisch nachvollziehen. Nun aber zum Anfang.
Maria Stuart ist gerade 6 Tage alt, als sie zur Königin von Schottland wird, einem Land, dessen Adelsfamilien eher einer meuchelmordenden Meute, die hemmungslos mit- und gegeneinander intrigieren, gleichen; zu ihrem eigenen Schutz und auch aus politischer Berechnung wird sie an den französischen Hof geschickt, wo sie nicht nur alle höfische Pracht Europas, Bildung, Erziehung genießt, sondern auch in zartem Alter mit Franz dem II. verheiratet und somit zur Königin Frankreichs wird; nach dem frühen Tod ihres kränklichen Mannes aber, nun nicht mehr erste Frau am Hof, kehrt sie in das ihr vollkommen unbekannte Schottland zurück; und spätestens seit diesem Tag steht ihr Leben unter keinem guten Stern.
Keine kluge Taktikerin, einzig geschult in den repräsentativen Pflichten, erkennt sie bald, dass in Schottland sprichwötlich ein anderer Wind weht als in Frankreich; für die Feinde im eigenen Stand und im eigenen Schloss gilt Macht über Gewissen, ist Loyalität, selbst in Form von Brief und Siegel, kein Gut, dass sich nicht innerhalb von Sekunden wieder verwerfen ließe. Damit hätte Maria Stuart schon im eigenen Land mehr als genug Probleme, aber Weltpolitik wäre nicht Weltpolitik, wenn nicht damals schon das Ausland seine Finger im politischen Spiel Schottlands gehabt hätte; und das Ausland ist hier vor allem Elisabeth I., nahe Blutsverwandte Maria Stuarts, ihr krasser charakterlicher Gegenpol und zeitlebens ihre ärgste Rivalin.
Und mehr noch, in den beiden Frauen stehen sich auch verschiedene Weltanschauungen gegenüber, die eine Christin, die andere Schirmherrin der protestantischen Church of England:
"Der persönliche Kampf zwischen Elisabeth und Maria Stuart, zwischen England und Schottland entscheidet - und darum wird er so bedeutsam - auch zwischen England und Spanien, zwischen Reformation und Gegenreformation", wie Zweig schon in einem der ersten Kapitel vorausgreifend feststellt.
Aber bis zum Scheitern der Gegenreformation vergehen noch einige Jahre, in denen Maira Stuart erst einen gewissen Darnley, ihre erste wirkliche Liebe, heiratet, von dem sie schwer enttäuscht und in die Arme eines anderen Mannes getrieben wird; tragisches Liebesgeschehen eigentlich, das sich jedoch zu einem Mordkomplott gegen Darnley ausweitet, dessen Erfolg den Anfang vom Ende der Maria Stuart darstellt; hier beginnt der unhaltbare Abstieg ihres Lebens, vom Souverän eines Landes zur Gefangenen ihrer Erzrivalin und, schließlich, ersten nach einem Prozess gehenkten Königin Europas.
Diese bewegten 40 Lebensjahre schildert Zweig gewohnt gewissenhaft, ebenso entwirrt er erfolgreich die verschiedenen Komplotte und politischen Machtspiele, die Maria Stuarts Leben prägen (und auch beenden), aber selbst die Tatsache, dass man, nach Beendigung des Buches, mit einer gewissen Achtung auf Maria Stuart schaut, lenkt nicht davon ab, dass es sich hier, nach meiner Meinung, um eines seiner schwächeren Werke handelt; natürlich ist ein mittelmäßiger Zweigroman immernoch auf alle Fälle lesenswert, aber man sollte sich auf einige Schwächen gefasst machen, beispielsweise die Unübersichtlichkeit, die natürlich schon durch den historischen Stoff mit all seinen vielen Persönlichkeiten bedingt ist (man fühlt sich stark dan die Romane Dostojewskis erinnert, wenn man dann zum dritten oder vierten Mal einen Namen nachschlagen muss); oder aber die häufigen, unübersetzten französischen oder lateinischen Zitate, deren genauer Wortlort zwar normalerweise nicht essentiell ist, den man aber trotzdem gern verstanden hätte. Das sind natürlich nur kleine Schwächen vor dem Hintergrund einer Geschiche, die Zweig wieder einmal so lebendig gestaltet, als sei er selbst dabei gewesen, aber es sind immerhin Schwächen, die man wohl hätte vermeiden können.
Dennoch: "Im Letzten hat Maria Stuart ihrem Lande nichts Schöpferisches gegeben als die Legende ihres Lebens."
Und diese Legende ist es Wert, sie zu kennen, sie zu lesen - vor allem in Zweigs Darstellung.
Maria Stuart, Königin von Schottland, ehemals auch Königin von Frankreich, bekannt vor allem durch das Ende ihres Lebens als erste Königin von Gottes Gnaden, die von weltlicher Justiz (hin-)gerichtet wurde.
Allen inhaltlichen Besprechungen voran muss hier gestellt werden, wie undankbar Zweigs Aufgabe in diesem Fall war - Maria Stuart gehört zu jenen historischen Persönlichkeiten, deren Leben über die Zeit eine Legendarisierung erfahren hat, die es, einige Jahrhunderte später, sicher schwierig macht, historischen Fakt von bloßer Dichtung, sichere von unsicherer Quelle, Beschönigung und Wahrheit voneinander zu trennen; nicht zuletzt kann man davon ausgehen, dass, als Mitglied des Hochadels, Königin und Mutter von James I., der die Königreiche England und Schottland durch seinen Thronanspruch einte, ihre eigene Geschichte auch durch ihre Nachfahren eine Bereinigung erfahren hat.
Zweig geht daher, dem eigenen Anspruch auf klares, unparteiisches Urteil folgend, einen Mittelweg, erklärt, warum und wie er welche Quelle gewichtet, lässt aber, wenn man sich einer Darstellung nicht sicher sein kann, auch andere Deutungen geschickt einfließen; am Ende seiner Bemühungen steht ein Buch, dass, soviel sei schon einmal verraten, mit von ihm gewohnten historischem Pathos, nicht nur das Leben Maria Stuarts nachzeichnet, sondern auch all die an ihrem Leben Anteil habenden historischen Gestalten lebendig werden lässt.
Das ist auch dringend notwendig, denn, wie so oft bei politischen Persönlichkeiten, all die Wendungen ihres Lebens, all die Intrigen, in die Maria Stuart sich selbst verwickelt oder hineingezogen wird, werden nur verständlich, wenn man auch ihre Feinde, Widersacher und Freunde (ersterer gibt es mehr, letzterer weniger), kennen lernt; nur so lässt sich Maria Stuarts Untergang auch politisch nachvollziehen. Nun aber zum Anfang.
Maria Stuart ist gerade 6 Tage alt, als sie zur Königin von Schottland wird, einem Land, dessen Adelsfamilien eher einer meuchelmordenden Meute, die hemmungslos mit- und gegeneinander intrigieren, gleichen; zu ihrem eigenen Schutz und auch aus politischer Berechnung wird sie an den französischen Hof geschickt, wo sie nicht nur alle höfische Pracht Europas, Bildung, Erziehung genießt, sondern auch in zartem Alter mit Franz dem II. verheiratet und somit zur Königin Frankreichs wird; nach dem frühen Tod ihres kränklichen Mannes aber, nun nicht mehr erste Frau am Hof, kehrt sie in das ihr vollkommen unbekannte Schottland zurück; und spätestens seit diesem Tag steht ihr Leben unter keinem guten Stern.
Keine kluge Taktikerin, einzig geschult in den repräsentativen Pflichten, erkennt sie bald, dass in Schottland sprichwötlich ein anderer Wind weht als in Frankreich; für die Feinde im eigenen Stand und im eigenen Schloss gilt Macht über Gewissen, ist Loyalität, selbst in Form von Brief und Siegel, kein Gut, dass sich nicht innerhalb von Sekunden wieder verwerfen ließe. Damit hätte Maria Stuart schon im eigenen Land mehr als genug Probleme, aber Weltpolitik wäre nicht Weltpolitik, wenn nicht damals schon das Ausland seine Finger im politischen Spiel Schottlands gehabt hätte; und das Ausland ist hier vor allem Elisabeth I., nahe Blutsverwandte Maria Stuarts, ihr krasser charakterlicher Gegenpol und zeitlebens ihre ärgste Rivalin.
Und mehr noch, in den beiden Frauen stehen sich auch verschiedene Weltanschauungen gegenüber, die eine Christin, die andere Schirmherrin der protestantischen Church of England:
"Der persönliche Kampf zwischen Elisabeth und Maria Stuart, zwischen England und Schottland entscheidet - und darum wird er so bedeutsam - auch zwischen England und Spanien, zwischen Reformation und Gegenreformation", wie Zweig schon in einem der ersten Kapitel vorausgreifend feststellt.
Aber bis zum Scheitern der Gegenreformation vergehen noch einige Jahre, in denen Maira Stuart erst einen gewissen Darnley, ihre erste wirkliche Liebe, heiratet, von dem sie schwer enttäuscht und in die Arme eines anderen Mannes getrieben wird; tragisches Liebesgeschehen eigentlich, das sich jedoch zu einem Mordkomplott gegen Darnley ausweitet, dessen Erfolg den Anfang vom Ende der Maria Stuart darstellt; hier beginnt der unhaltbare Abstieg ihres Lebens, vom Souverän eines Landes zur Gefangenen ihrer Erzrivalin und, schließlich, ersten nach einem Prozess gehenkten Königin Europas.
Diese bewegten 40 Lebensjahre schildert Zweig gewohnt gewissenhaft, ebenso entwirrt er erfolgreich die verschiedenen Komplotte und politischen Machtspiele, die Maria Stuarts Leben prägen (und auch beenden), aber selbst die Tatsache, dass man, nach Beendigung des Buches, mit einer gewissen Achtung auf Maria Stuart schaut, lenkt nicht davon ab, dass es sich hier, nach meiner Meinung, um eines seiner schwächeren Werke handelt; natürlich ist ein mittelmäßiger Zweigroman immernoch auf alle Fälle lesenswert, aber man sollte sich auf einige Schwächen gefasst machen, beispielsweise die Unübersichtlichkeit, die natürlich schon durch den historischen Stoff mit all seinen vielen Persönlichkeiten bedingt ist (man fühlt sich stark dan die Romane Dostojewskis erinnert, wenn man dann zum dritten oder vierten Mal einen Namen nachschlagen muss); oder aber die häufigen, unübersetzten französischen oder lateinischen Zitate, deren genauer Wortlort zwar normalerweise nicht essentiell ist, den man aber trotzdem gern verstanden hätte. Das sind natürlich nur kleine Schwächen vor dem Hintergrund einer Geschiche, die Zweig wieder einmal so lebendig gestaltet, als sei er selbst dabei gewesen, aber es sind immerhin Schwächen, die man wohl hätte vermeiden können.
Dennoch: "Im Letzten hat Maria Stuart ihrem Lande nichts Schöpferisches gegeben als die Legende ihres Lebens."
Und diese Legende ist es Wert, sie zu kennen, sie zu lesen - vor allem in Zweigs Darstellung.
Diesmal mit dem Eichhörnchenfaktor..jaja, ich weiß, putzig. Aber es hat trotzdem schmutzige Gedanken!
