Dienstag, 8. april 2008

Es ist zum Händezusammenschlagen. Über dem Kopf, natürlich, nicht klatschend vorm Körper - gerade hab ich wieder einmal, und ich rate hiermit jedem davon ab, MTV eingeschaltet, und natürlich gerade eine der Perlen des neudeutschen Gangsterraps. 
Bushido, den man ja im Vergleich zu dem, was seit Aggro noch so auf den Bühnen herumhüpft, schon fast als Poeten bezeichnen muss.
Das sagt eigentlich schon alles über das Niveau dessen, was sich heute HipHop nennt - das war allerdings mal anders. Früher, das war eine bessere Zeit, kein Gangsterrap, kein Ich ficke deine Mutter und danach grill ich sie wie Hähnchen-Niveau, sondern ein Ringen um den besten Flow, die netteste Geschichte, die derbsten Styles. Damals wurde der deutsche Hiphop vom guten alten Hamburg und Stuttgart dominiert; Eimsbush, Mongo-Cligge, die Kolchose in 0711 bestimmten das geschehen, und da Hiphop erst langsam groß wurde und Profit noch nicht im Mittelpunkt stand, ging man freundschaftlich miteinander um. In krassem Gegensatz zu heute, wo ja Gewalt im Hiphop zum Alltag zu gehören scheint.
Um die richtigen Anfänge komplett mitbekommen zu haben, war ich damals zu jung, vielleicht war das auch gut so, denn so war meine erste eigene Hiphopplatte keine Geringere als "Bambule" von den Beginnern - welchen besseren Einstieg könnte man sich vorstellen?
Überhaupt reihte sich damals ein großes Album an das andere, da kamen EinsZwo mit ihrem 
Gefährlichen Halbwissen, Freundeskreis, die vorher schon erfolgreich den Kreis quadriert hatten,
brachten mit Esperanto eine der Platten, ohne die ein Sommer überhaupt nicht mehr denkbar wäre, Dynamite Deluxe warfen ihr Deluxe Soundsystem auf den Markt, und man hoffte, es würde ewig so weitergehen.
Für eine Weile tat es das auch; Blumentopf, Massive Töne, Afrob, die Sterne, Deichkind - es gab viel zu hören damals.
Doch dann schwappte der Gangsterrap erfolgreich über nach Deutschland, und gegen die agressiven neuen MCs schien sich die alte Skill-Brigade nicht behaupten zu können; das Bo, definitiv das schnellste Mundwerk, das Hamburg zu bieten hat, bewies mit seinem "türlich, türlich" damals schon, dass die Fans nicht mehr Geschichten a la "Omi von oben" hören wollten, sondern dass man nicht mehr denken, sondern feiern wollte. Und das geht natürlich schlecht, wenn beispielsweise Curse nebenher über die Armut in der dritten Welt erzählt.
Heute sind sie rar geworden, die guten Texte, die nicht ins Mikrofon brüllende, ruhige MC-Stimme, die etwas anderes zu erzählen hat als "ich will reich werden, auch wenn ich dich erschießen muss, das läuft bei uns im Ghetto eben so"; ab und zu regen sie sich nochmal, da bringen Dendemann und Max Herre ihre Solodebüts, da bringt Blumentopf mal ein neues Album - aber die goldene Zeit, die ist vorbei.
Eindrucksvoll bewiesen wurde das dieses Jahr durch das Comeback von Dynamite Deluxe - wenn Samy auch früher sicher nicht zu unrecht von sich als dem "derbsten MC seiner Zeit" rappte, so blieb er doch über all die Jahre nur deshalb auf der Erfolgswelle, weil sein Style sich dem, was die Gangsterbewegung von ihm forderte, nach und nach anpasste - und auch wenn er nicht die üblichen neuen Themen behandelt, so fehlt ihm die Lässigkeit, die Hiphop früher angenehm und nicht zuletzt groß gemacht hat. Aber heute frisst der Hiphopfan von damals Fliegen, und wenn ihm ein Album der Helden von damals hingeworfen wird, dann ist das immernoch besser als jedes neue der Stereotypen von heute.
Was bleibt uns alten, treuen Fans dann diesen Sommer zu tun? Die Antwort darauf hat - natürlich - einmal wieder Dendemann, wenn er sagt "was immer du tust, tu es, als sei es heute das erste Mal".
Also nochmal die alten Alben hören. Sich wieder fühlen wie 15, damals, beim ersten Mal.
Eigentlich gar nicht so übel.

von aeskulap veröffentlicht in: Allgemeines
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