Freitag, 11. april 2008
Es ist interessant, wie gelähmt man sich vorkommt, drei Tage, bevor man mit der Unterschrift unter die Einschreibungsunterlagen seine Seele dem Vorklinikmoloch ein letztes Mal verkauft, auf dass sie im Tartarus des Prüfungswahns untergehe.
Und ich stelle mir wieder die Frage: bist du vorbereitet? Die Antwort lautet, wie immer vor den praktischen Kursen: Keine Ahnung. Wie soll man auf den Zufall vorbereitet sein - den letztlich bestimmt allein der den Erfolg oder Misserfolg, was die Erynnen sich da wieder zusammenspinnen weiß man ja vorher nicht. Da tröstet auch die Vorstellung nicht, dass ja in einem parallelen Universum der Kurs auf jeden Fall bestanden wird. Immerhin zählt das hier und jetzt.
Und obwohl müde, hab ich mal ein wenig gerechnet, um zu sehen, was eigentlich so an Arbeit pro Woche auf mich und die Anderen zu kommt:
Da wäre die reguläre Arbeitszeit, Montag-Mittwoch 8:00-17:00, Donnerstag - aus welchen Gründen auch immer - von 08:30-17:00, Freitag dann humanerweise von 8:00-12:00. Dazu kommen Verzögerungen durch die Putzdienste und dann noch die gut alte Frage des Tages, die nochmal meist eine Stunde extra bedeutet. Rechnet man die Mittagspause ein, die man ja auch an der Uni herumhängt, sind das also 40 Stunden pro Woche, davon 36 reine Arbeits- und Vorlesungszeit. Igitt. Und die Gewerkschaften heulen bei 38h...
Dann kommt natürlich der Lernstoff hinzu. Das sind einmal 240 Seiten zahnmedizinische Propädeutik im Lehmann, gut 350 Seiten Werkstoffkunde, nochmal 200 Seiten Prothetik und ein paar Broschüren, die gelesen und gelernt werden wollen. Also in etwa 800 Seiten, das geht gottseidank. Auf mein persönliches Lerntempo (etwa 5-6 Seiten/Stunde) bezogen und bei 3maligem Wiederholen macht das rund 450 Lernstunden; ausgenommen ist der Tag vor der Frage des Tages, da wird der komplette relevante Stoff wiederholt, anders gehts ja meist leider nicht. So, das Semester hat 15 Wochen, die Vorlesungen enden allerdings gut 3 Wochen vor Ende, dann ist spätestens der Stoff durch, das heißt, dass die 450 Stunden auf etwa 12 Wochen verteilt werden müssen. Wir enden also bei 37,5h Lernerei pro Woche. Nochmal: Igitt!
Ok, gehört eben dazu und ist eher standard im Studium, stimmt schon, aber trotzdem nervig, wenn man den ganzen Tag an der Uni hockt - es gäbe sooo viel zu tun.
Beispielsweise will man irgendwann noch Sport machen. Fernsehen. Ein Leben haben! Das wird wohl wieder schwierig. Aber ohne Zeitdruck und Stress wäre das Leben ja auch langweilig irgendwie.
Ein Positives hat das Wiederholen: Man weiß, welches Material man braucht und kann schon einmal aufstocken, bevor die Wartezeiten im Dentalhandel die 2-Stunden-Marke überschreiten. Wenn man nicht die Hälfte vergisst wie letzte Woche, natürlich. Aber dank Liste sollte eigentlich alles da sein: Polierer, Matrizenbandhalter, Zähne..
Man hat ja noch nicht genug unnützes Werkzeug, die man nie wieder brauchen wird.
Überhaupt nervt vor allem, dass man nun den ganzen Kram, der sich hier stapelt, wieder in die Klinik schleppen muss. Das sind gefühlte 7 Tüten und 20kg Material. Für die Studiengebühren, die hier geblecht werden, könnte das eigentlich mal wer abholen. Und dann dahin fahren. Und einräumen! Überhaupt könnte sich mal jemand an meiner Stelle diesen Kurs antun.
Ich hör derweil ein paar Germanistikvorlesungen und erfreue mich eines geisteswissenschaftlichen Lebens. Mit mehr Denk-, aber weniger Zeitdruck. Und gehe ins Schwimmbad, anstatt schwitzend im Labor zu sitzen. Wie surreal und ätzend. Aber so kommt man sich zumindest vor, als hätte man im Semester wirklich etwas geleistet.
Wenigstens das.
von aeskulap veröffentlicht in: Phantom I
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