Freitag, 11. april 2008
Auch heute geistert sie zumindest bei uns wieder durch die Schlagzeilen, das Schreckgespenst aller religiösen Fundamentalisten jedweder Konfession und der Berufsethiker: die Stammzelle.
Und auch in der Gesellschaft ist er wieder angeregt, der Diskurs, und jeder will mit diskutieren, egal wie lückenhaft das eigene Halbwissen auch ist - die heutige Entscheidung des Bundestages zur Verschiebung des Datums, vor dem eine Stammzelllinie (ja, man schreibt das heute so, und es sieht fürchterlich aus) entstanden sein muss, um sie einzuführen (zum Sinn dessen später) soll mir Anlass sein, dieses Thema ein wenig zu betrachten.

Zuerst müssen wir uns natürlich fragen: Was ist das eigentlich, eine Stammzelle? Dazu schauen wir uns einmal unseren Organismus an und stellen fest, dass es nicht nur eine Art von Zellen gibt, aus denen wir bestehen, sondern viele, viele verschiedene: das fängt bei den Nervenzellen an, die ja auch nochmal verschiedene Unterteilungen erfahren, dann gibt es die Muskelzellen, die der Haut, des Herzens, die des Bindegewebes, und das geht eine Weile so weiter - wir bestehen jedenfalls aus verschiedenen Zelltypen, die verschiedene Aufgabe wahrnehmen.
Und diese Zellspezialisierung entwickelt sich erst mit der Zeit - vor diesen kleinen Spezialisten steht eine Reihe von Vorläuferzellen, aus denen sie entstehen.
Diese Vorläufer, zelluläre Stammesväter quasi, haben nun die Eigenschaft, dass sie sich in eine mehr oder weniger große Zahl dieser Spezialisten weiterentwickeln können - diese Fähigkeit zur Differenzierung zeichnet Stammzellen aus. Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten, diese Stammzellen zu qualifizieren, eine davon ist die nach der Potenz, also in welchem Maß sie sich weiterentwickeln können: da gibt es die Ursprungszellen, kleine Alleskönner, die man als totipotent bezeichneit, und aus denen quasi jede Zelle entstehen kann; ihnen folgen dann die pluripotenten Zellen, die sich noch zu einer mehr oder weniger großen Zahl verschiedener Zelltypen differenzieren können. Es gibt natürlcih auch Stammzellen, deren Entwicklungsweg so eingeschränkt ist, dass er nur in eine einzige Richtung führt (z.B. bei der Entwicklung einiger Zellen des Blutes).

Dass es schwierig ist, so eine totipotente Zelle von einer pluripotenten zu unterscheiden, kann man sich vermutlich vorstellen, erschwert wird das Ganze allerdings durch eine vernachlässigte Tatsache: Man muss sie ja erst einmal finden. Nicht, dass man mit totipotenten Stammzellen heute schon sehr viel anfangen könnte, die Forschung arbeitet da eher mit pluripotenten Zellen, aber dennoch: auch die wollen gewonnen werden. Dafür gibt es nun verschiedene Möglichkeiten, oder sagen wir besser: Quellen.
Einmal kann man verschiedene adulte (=vom erwachsenen, ausgereift) Stammzellen gewinnen:
Für die Stammzellen des Blutes und Immunsystems lässt sich das Rückenmark anzapfen, aus der Haut lassen sich ebenfalls Zellen, die wieder zur Pluripotenz zurückgeführt werden können (das ist zumindest der Ansatz einer bekannten Forschungsgruppe in den USA) gewinnen, außerdem werden auch Ansätze verfolgt, normale Zellen in den Zustand vor ihrer Differenzierung zurückzuführen und ihnen eine gewisse Entwicklungspotenz zurückzugeben.
Vorteil der adulten Stammzellen ist, neben der Tatsache, dass hier die Ethikdebatte nich beschränkend auf die Forschungsgruppen und -Ziele wirksam werden kann, die leichtere Kontrollierbarkeit - immerhin ist es schwierig genug, einer Zelle, die sich in 15 andere entwickeln könnte, vorzugeben, welche genau das nun sein soll; bei potenteren Zellen mit noch mehr möglichen Entwicklungswegen wird das naturgemäß schwieriger.
Aber eben jene Zellen ermöglichen gerade durch ihre vielfältige Entwicklungspotenz wichtige Grundlagenerkenntise über die Manipulation der Zellentwicklung, da hier wichtige Schalter, die einen Weg zurück oder in andere Richtungen verhindern und in der adulten Forschung Hindernsse darstellen, noch nicht umgelegt worden sind.

Da die Gewinnung dieser Zellen bisher allerdings nur aus Embryonen, der Ursubstanz unserer selbst quasi, möglich ist, tun sich naturgemäß ethische Abgründe auf, auf die ich hier, mit ihren legislativen Folgen, nur kurz anreißen möchte.
Basis des ganzen Dilemmas ist hier wieder einmal die Definition des Beginns menschlichen Lebens, über die, bedingt durch unterschiedliche (traditionelle) Ansichten über die Definition des Lebens selbst, keine Einigung herrscht und wohl so schnell auch keine Einigung herrschen kann; dennoch muss hier ein Konsens gefunden werden, wenn in einer immer technokratischeren Gesellschaft die Forschung in geordneten und, vor allem, regulierten Bahnen weitergehen soll - dass das Verbot einzelner Forschungsfelder letztlich nicht zu ihrer nicht-erforschung, sondern einfach zur Abwanderung der Wissenschaftler in Regionen, in denen man sich um verantwortungsbewussten und moralischen Umgang mit der entsprechenden ebensowenig schert wie um Menschrechte, sieht man immer wieder an den Ankündigungen über Klonversuche am Menschen.
Aber zurück zum Thema.
Die erste Frage, die sich stellt, wenn man über die Erzeugung menschlicher Embryonen spricht, ist die nach dem Zweck. Es ist einsehbar, dass das Heranzüchten von Embryonen nur zur Forschungszwecken eine Vorgehensweise wäre, über die man wirklich streiten kann (und ich merke hier an, dass ich derartiges ablehne).
Allerdings erzeugen wir in unserer technokratischen Gesellschaft, die den Einzelnen in all seinen Freiheiten unterstützt, auch der der Fortpflanzung, jährlich viele Embryonen, von denen weit mehr wieder beseitigt werden, als man benötigen würde, um die Forschung weltweit mit entsprechendem Material zu versorgen.
Das ist einer der Punkte, der mich an unserer Gesellschaft immer wieder zweifeln lässt - wir 
unterstützen Menschen darin, für sich in Fertilitätskliniken Embryonen heranzüchten zu lassen, wohl wissend, dass dabei gut 300% mehr an Zellmaterial entsteht, als letztlich benötigt wird, und dass dieses dann einfach entsorgt wird, stören uns aber daran, wenn man eben jene Zellen, anstatt sie wegzuwerfen, zur Forschung verwenden will, was ihrer "Existenz" dann doch zumindest noch einen Zweck abseits des "Daseins" als Ausschussware zugestehen würde.
Natürlich spielt auch hier wieder das Problem der Forschung am Menschen selbst herein, aber dennoch sollte man sich darüber einmal kurz Gedanken machen; in vielen Ländern tut man das, und dort fordern die Patienten in Fertilitätskliniken nicht selten, dass es an ihnen sein sollte, zu entscheiden, was mit den von ihnen nicht mehr benötigten Embryonen passieren soll. Irgendwie drängen sich einem da (leicht unangebrachte) Parallelen zum Transplantationswesen auf..

Wie regelt man nun heute hier und in der Welt die Forschung an Zellen? Zum Großteil über das Alter der Zelllinien, an denen experimentiert wird - in Deutschland durften bis heute nur Linien, die vor 2001 enstanden sind, zur Forschung verwendet werden; damals steckte die Forschung und Klonierung allerdings noch in den Kinderschuhen, die Zelllinien sind meist verunreinigt und erlauben keine aufwändige und vor allem aufschlussreiche Forschung, was viele deutsche Forscher ins Ausland trieb, vor allem in Richtungen jenseits des Atlantik. In den USA wird über das Zelllinienalter die Bezuschussung geregelt, mit entsprechenden finanziellen Mitteln lässt sich dort dennoch auch mit neuen Linien und in großen Freiräumen forschen.
Mit der heutigen Regelung ist das Datum, vor dem eine Zelllinie entstanden sein muss, um sie in Deutschland verwenden zu dürfen, allerdings auf den 1.5. 2007 verschoben worden, denn auch wenn man bei uns keine Stammzellen erzeugen darf, so hat man sich doch zumindest schon bei Verabschiedung des ersten Gesetzes die Lücke offen gelassen, die die Einfuhr erlaubt - ob man sich ethisch dann für jene, die von Mord an zukünftigen Menschen sprechen, damit weniger schuldig macht, ist allerdings zu bezweifeln.
Was man allerdings immer beachten muss, wenn man, so wie ich, gewisse Freiheiten für die Forschung fordert, ist die Tatsache, dass vor allem die Medizin hier eine dunkle Geschichte hat - wer heute die "Forschung" eines Gregor Mendele betrachtet, dem wird schnell klar, dass ein Land, das die NS-Medizin hinnahm, gut daran tut, in ethischen Fragen langsam und bedächtig zu entscheiden.

Dennoch: entschieden werden muss trotzdem. Das tut man allerdings am Besten immer anhand einer Abwägung mit den Nutzen des Ganzen, und da schaut es - bisher - noch recht Mau aus, da die Forschung nur langsam ihren Kinderschuhen entwächst. Immerhin wird die Stammzelltherapie z.B. bei Leukämie schon seit langem erfolgreich zur Therapie genutzt, was vor allem daran liegt, dass das Blut als Organ leichter zu erreichen ist und eine bessere Verteilung ermöglicht; Stammzelltherapie einzelner Organe ist zwar vielversprechend, aber noch ist die ganze Maschinerie, die dazu kontrolliert werden will, noch zu schlecht verstanden.
Dass wir uns irgendwann aus unseren eigenen Zellen ein Herz züchten lassen können, das uns einmal das Leben rettet, ist also pure Zukunfsmusik - noch. Man darf nie vergessen: Es gab auch einmal eine Zeit, in der man es für unmöglich hielt, ein Organ von einem Menschen in einen anderen zu verpflanzen. Oder mit einem Schimmelpilz schlimme Erkrankunen zu heilen, eine Hand anzunähen, am Hirn zu operieren.
Ob der Stammzellforschung eine so große Zukunft bevorsteht, wie die Visionäre denken und ich es hoffe, bleibt abzuwarten - aber für jede Möglichkeit auf eine bessere Zukunft, mit besserer Medizin, lohnt es sich, zu debattieren, zu streiten und zu kämpfen.


von aeskulap veröffentlicht in: Studium
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