Samstag, 12. april 2008
Vermutlich kennt das jeder: Man geht aus dem Haus, und kaum ist man 5 Meter entfernt, beschleichen einen Gedanken a la "hab ich den Herd angelassen?" "ist die Tür auch wirklich abgeschlossen?" "tropft der Wasserhahn vielleicht nach?".  Dass man sich ab und an da nicht ganz sicher ist, ist nichts ungewöhnliches und völlig normal.
Anders ist das jedoch, wenn man sich dies jedesmal fragt. Und jedesmal zurückgeht, um zu kontrollieren, ob man Recht hat - hier trennt sich schon krankhaftes Verhalten vom normalen Habitus.
Geht man nun beispielsweise, obwohl man es schon kontrolliert hat, nochmal zurück, dann ist man eingetreten in jene schöne Welt, die wir als Zwangsneurotik kennen, bekannt vielleicht durch Filme wie Besser gehts nicht oder Serien wie Monk.
Der Ursprung von Zwangshandlungen wie diesen liegt meist in Zwangsgedanken, also eben jenen beispielhaft oben schon geschilderten Vermutungen, die man nicht abschütteln kann, die immer wieder kommen und einen so sehr zu peinigen beginnen, dass man ihnen nachgibt.
Und gerade durch dieses Nachgeben bringt man sich noch mehr in die Bredouille - denn sind die Zwangsgedanken (die durchaus auch andere Themen, z.B. die Frage nach dem Wohl eines nahestehenden Menschen haben können) erst einmal mit entsprechenden Handlungsroutinen verbunden, beginnt der Einfluss auf das wirkliche Leben erst richtig.
Nehmen wir zum Beispiel Zahlenzwänge - Menschen damit müssen bestimmte Handlungen nach bestimmten Zahlen vollziehen, sich z.B. immer 3x die Hände waschen. Oder 3x nachprüfen, ob der Ofen auch wirklich aus ist. Allerdings bleibt es bei diesen auf Zahlen basierten Handlungen normalerweise nicht bei kleinen Zahlen - je nach Affinität zu bestimmten Zahlen (z.B. Primzahlen) wird die Anzahl der Repititionen mit der Zeit größer - die Zwangshandlung nimmt einen immer größeren Raum im Leben ein.
Man könnte nun einwenden, dass man diesem Drang ja nicht Folge leisten muss - dem entgegen steht, dass Patienten einerseits dem Drang kaum widerstehen können, andererseits ein Nicht-ausführen des Ganzen oft zu körperlichen Symptomen führt.
Spätestens dann hat sich die Krankheit verselbständigt - das Ausführen der oft sehr zeitintensiven und komplexen Verhaltensmuster kostet Kraft und Zeit und macht nicht selten zum Außenseiter, das Verweigern der Ausführung resultiert in körperlichem Schmerz. So oder so - man bleibt krank.
Oft treten verschiedene Gedanken und Neurosen zusammen auf, und eine Therapie ist vor allem dann recht aussichtslos, wenn der Patient schon jeglichen Widerstand aufgegeben hat - dem Krankheitsbild dann verhaltenstherapeutisch beizukommen ist schwierig.
Erwähnenswert ist diese Symptomatik vor allem, weil wir alle uns dem raschen, stresserfüllten Leben, das in der heutigen Zeit geradezu an uns vorbeizurauschen scheint, entgegenstellen, indem wir bestimmte Bereiche unseres Lebens mit kleinen Ritualen belegen, sei es das Ausspülen der Zahnbürste oder die Reihenfolge, in der man das Licht im Zimmer löscht - jeder wird zumindest ein kleines Ritual, eine kleine Routine in seinem Leben erkennen, mit der er sich eine Art ruhenden Pol, ein wenig Konstanz im unsicheren heute, wahrt.
Und gerade die Tatsache, dass wir diese kleinen, unbedeutenden Ticks haben und ihnen nachgehen, ist Beweis dafür, dass wir dem oben geschilderten Krankheitsbild leichter zugänglich sind, als wir vielleicht meinen. 
Wenn es soweit ist, haben wir dann hoffentlich genug Kraft und Geistesgegenwart, uns selbst 
dagegen zu wehren. Oder eben genug Geld für einen guten Psychiater.
von aeskulap veröffentlicht in: Hypochonderecke
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