Es ist spät, als der Autor R. am Abend seines einundvierzigsten Geburtstages einen dicken Brief in die Hand nimmt, ohne Absender, in eiliger Frauenhandschrift verfasst, ohne zu wissen, dass sich
ihm darin die Tragödie eines Lebens, an dem er unwissend und unwillentlich großen Anteil hatte, eröffnet.
Hier schreibt ihm eine ihm unbekannte Frau, vom plötzlichen Grippetod ihres Sohnes gerührt, ihre Lebens-, Liebens- und Leidensgeschichte, beschreibt ihm ihre Welt, die sich seit frühester Kindheit
nur um einen Menschen dreht: um ihn. R.s Lebensrealität wird in den Zeilen des Briefs eine andere entgegengeworfen, die einer Frau, die ihr Herz in frühen Kindertagen schon an einen Mann verlor und
deren Leben seitdem in stillem Begehren nur auf ihn ausgerichtet war, allerdings so zögerlich, so heimlich, dass er ihr, die hier ihrem Geliebten verbal ihre Seele ausschüttet, nie gewahr werden
konnte.
Ohne nun noch detaillierter auf den Inhalt einzugehen, sei hier gesagt, dass Zweig wieder einmal einen gefährlichen Balanceakt wagt - als Mann aus der perspektive einer Frau zu schreiben ist ein
Unterfangen, dass in der Literatur oft genug unerfolgreich geblieben ist.
Aber auch wenn der weibliche Charakter hier emotional etwas maßlos und naiv erscheint, passt das zur Komposition der Figur und ist somit eine entschuldbare kleine
Schwäche; die Leistung der Erzählung, die sie mich an dieser Stelle weiterempfehlen lässt, besteht letztlich darin, dass auf wenigen Seiten einer
Lebensrealität eine andere, mit ihr verbundene, aber völlig konträr dazu verlaufende entgegen gestellt wird - als Leser erlebt man auf engstem Raum einen jener
nur selten im Leben vorkommenden Momente, in denen sich mit einem Mal alles grundlegend und für immer verändert.