Sonntag, 8. juni 2008
Wir kennen es alle, das süße Gefühl, ein Geheimnis zu haben, die Befriedigung, die sich aus der Unwissenheit der Anderen ergibt. Doch was, wenn dieses Geheimnis sich um verbotene Taten rankt und plötzlich ein Mitwisser auftaucht? Dann wird das prickelnde Gefühl schnell zur eiskalten Angst.
So zumindest wird das Ganze in Zweigs gleichnamiger Erzählung "Angst" geschildert. Hier erlebt der Leser eine Frau, deren einziges Vergnügen als Mitglied der Wiener Oberschicht zur Zeit des Beginns der Erzählung darin zu liegen scheint, ihren Mann mit einem Musiker zu betrügen; das Vergnügen wandelt sich jedoch jäh in einen Alptraum, als ihr, die Wohnung ihres Geliebten gerade verlassend, eine Frau entgegentritt und sie zur Rede stellt.
Was nun folgt ist klassisch und vorhersehbar: Erpressung. Interessant ist zu lesen, wie sich die Lebensauffassung und Selbsteinschätzung der bedrohten Dame immer mehr verändern, je größer und unerfüllbarer die Forderungen werden; der Leser wird hier gemeinsam mit ihr der Tatsache gewahr, dass ihr Leben bis zu dem Moment, ab dem es von nackter Angst bestimmt wird, aus Oberflächlichkeiten bestand und weder Inhalt noch Sinn zu haben schien; erst die Bedrohung, die ihr gesellschaftliches und im Verlauf auch ihr physisches Leben überschattet, ermöglicht der Protagonistin einen kritischen und letztlich auch verstehenden Blick auf sich selbst, ihre Familie, und ihre Vergangenheit; die Angst wird hier, anstatt Bedrohung zu sein und den Charakter zu lähmen, nicht nur zum treibenden Faktor in der Entwicklung der Hauptperson, sondern auch zum Motor des Selbstverständnisses und der Selbstkritik.
Ohne dem Ende vorweg greifen zu wollen, sei gesagt, dass Zweig hier wieder einmal meisterlich in die Seele eines Menschen blickt, der durch äußere Umstände seelisch zu äußerster Spannung gezwungen wird und daran fast zerbricht; die Protagonistin in ihrem Handeln und Tun wirkt auf den kurzen 120 Seiten durchgehend glaubhaft auf den Leser, und ein überraschendes Ende (soviel sei verraten) sorgt nicht zuletzt für eine tiefer gehende zweigsche Moral von der Geschicht. Lesen!
von aeskulap - veröffentlicht in: Bücher
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