Bücher

Sonntag, 8. juni 2008 7 08 /06 /2008 16:08
Wir kennen es alle, das süße Gefühl, ein Geheimnis zu haben, die Befriedigung, die sich aus der Unwissenheit der Anderen ergibt. Doch was, wenn dieses Geheimnis sich um verbotene Taten rankt und plötzlich ein Mitwisser auftaucht? Dann wird das prickelnde Gefühl schnell zur eiskalten Angst.
So zumindest wird das Ganze in Zweigs gleichnamiger Erzählung "Angst" geschildert. Hier erlebt der Leser eine Frau, deren einziges Vergnügen als Mitglied der Wiener Oberschicht zur Zeit des Beginns der Erzählung darin zu liegen scheint, ihren Mann mit einem Musiker zu betrügen; das Vergnügen wandelt sich jedoch jäh in einen Alptraum, als ihr, die Wohnung ihres Geliebten gerade verlassend, eine Frau entgegentritt und sie zur Rede stellt.
Was nun folgt ist klassisch und vorhersehbar: Erpressung. Interessant ist zu lesen, wie sich die Lebensauffassung und Selbsteinschätzung der bedrohten Dame immer mehr verändern, je größer und unerfüllbarer die Forderungen werden; der Leser wird hier gemeinsam mit ihr der Tatsache gewahr, dass ihr Leben bis zu dem Moment, ab dem es von nackter Angst bestimmt wird, aus Oberflächlichkeiten bestand und weder Inhalt noch Sinn zu haben schien; erst die Bedrohung, die ihr gesellschaftliches und im Verlauf auch ihr physisches Leben überschattet, ermöglicht der Protagonistin einen kritischen und letztlich auch verstehenden Blick auf sich selbst, ihre Familie, und ihre Vergangenheit; die Angst wird hier, anstatt Bedrohung zu sein und den Charakter zu lähmen, nicht nur zum treibenden Faktor in der Entwicklung der Hauptperson, sondern auch zum Motor des Selbstverständnisses und der Selbstkritik.
Ohne dem Ende vorweg greifen zu wollen, sei gesagt, dass Zweig hier wieder einmal meisterlich in die Seele eines Menschen blickt, der durch äußere Umstände seelisch zu äußerster Spannung gezwungen wird und daran fast zerbricht; die Protagonistin in ihrem Handeln und Tun wirkt auf den kurzen 120 Seiten durchgehend glaubhaft auf den Leser, und ein überraschendes Ende (soviel sei verraten) sorgt nicht zuletzt für eine tiefer gehende zweigsche Moral von der Geschicht. Lesen!
von aeskulap - veröffentlicht in: Bücher
Kommentar hinzufügen - Kommentare () - empfehlen
Samstag, 31. mai 2008 6 31 /05 /2008 15:33
Es ist spät, als der Autor R. am Abend seines einundvierzigsten Geburtstages einen dicken Brief in die Hand nimmt, ohne Absender, in eiliger Frauenhandschrift verfasst, ohne zu wissen, dass sich ihm darin die Tragödie eines Lebens, an dem er unwissend und unwillentlich großen Anteil hatte, eröffnet.
Hier schreibt ihm eine ihm unbekannte Frau, vom plötzlichen Grippetod ihres Sohnes gerührt, ihre Lebens-, Liebens- und Leidensgeschichte, beschreibt ihm ihre Welt, die sich seit frühester Kindheit nur um einen Menschen dreht: um ihn. R.s Lebensrealität wird in den Zeilen des Briefs eine andere entgegengeworfen, die einer Frau, die ihr Herz in frühen Kindertagen schon an einen Mann verlor und deren Leben seitdem in stillem Begehren nur auf ihn ausgerichtet war, allerdings so zögerlich, so heimlich, dass er ihr, die hier ihrem Geliebten verbal ihre Seele ausschüttet, nie gewahr werden konnte.
Ohne nun noch detaillierter auf den Inhalt einzugehen, sei hier gesagt, dass Zweig wieder einmal einen gefährlichen Balanceakt wagt - als Mann aus der perspektive einer Frau zu schreiben ist ein Unterfangen, dass in der Literatur oft genug unerfolgreich geblieben ist.
Aber auch wenn der weibliche Charakter hier emotional etwas maßlos und naiv erscheint, passt das zur Komposition der Figur und ist somit eine entschuldbare kleine Schwäche; die Leistung der Erzählung, die sie mich an dieser Stelle weiterempfehlen lässt, besteht letztlich darin, dass auf wenigen Seiten einer Lebensrealität eine andere, mit ihr verbundene, aber völlig konträr dazu verlaufende entgegen gestellt wird - als Leser erlebt man auf engstem Raum einen jener nur selten im Leben vorkommenden Momente, in denen sich mit einem Mal alles grundlegend und für immer verändert.
von aeskulap - veröffentlicht in: Bücher
Kommentar hinzufügen - Kommentare () - empfehlen
Montag, 7. april 2008 1 07 /04 /2008 14:35
Zugegeben, das Semesterprojekt ist ein wenig ins Stocken geraten, allerdings geht es nun fröhlich
weiter, diesmal mit einem Essay: In seiner Geschichte eines historischen Irrtums enwirrt Zweig die
Verwicklungen, die Amerigo Verspucci zum Namensgeber Amerikas machten.
Zweig gelingt es hier wieder einmal, den Leser zurückzuversetzen in eine Zeit, in der die Weltkarten noch große, leere Flecken aufweisen, er zeigt, indem er kurz die historischen Grundstimmungen der Jahrhunderte vor 1400 schildert, wie lange Europa unter dem Eindruck des Mittelaltes doch in sich geschlummert hat, und wie jäh die Wiederentdeckung alten Wissens und die Erkenntnis, dass die Welt außerhalb Europas größer sein könnte, als angenommen, das Abendland in Aufruhr versetzen.
Es ist eine Detektivgeschichte, wieder einmal, die Suche nach der Wahrheit in einem Jahrhunderte währenden Streit um Vespucci, über sein Leben, seine Leistungen, seinen Betrug, und Zweig beweist einmal mehr die Qualität, die seinen Ruhm als Biograph und Betrachter historischer Probleme begründet - seine Unvoreingenommenheit und Neutralität.
In verständlicher Form erfährt der Leser in diesem Büchlein, wie es geschehen konnte, dass Columbus im Ansehen seiner Zeitgenossen nicht nur tief sank, sondern auch vergessen wurde; und wie ein anderer, unbekannter Vespucci zum Namensgeber des doch - wie wir heute selbstverständlich wissen - von Columbus entdeckten Amerika wurde.
Es sei, ohne der Lektüre vorgreifen zu wollen, gesagt, dass Vespucci daran unschuldig zu sein scheint; in einer Zeit, in der die Menschen nach Neuem gierten, wurden einige seiner Briefe dreist zum Gegenstand ausgeschmückter Reiseschilderungen, und Zufall reihte sich an Zufall, bis in einem Atlas dieser Zeit das erste mal America auf jener hellen Fläche, hinter der man zu dieser Zeit noch eine kleine, begrenzte Insel vermutete, erschien; und was einmal seinen Weg in die Bücher gefunden, wird schnell zu Wahrheit.
Und so wurde Vespucci zum Helden seiner Zeit - spätere Jahrhunderte jedoch, die Columbus wiederentdeckten, brandmarkten Vespucci als gemeinen Lügner, der den spanischen Admiral seines Ruhmes berauben wollte und all jene Zufälle, die Amerika seinen Namen verliehen, geplant habe; lange, sehr lange, wurde da gekämpft, und man verlor aus den Augen, dass Columbus und Vespucci zeitlebens Freunde waren, auch nachdem Amerika Amerika hieß.
Keine schöne Ausgangssituation für einen Historiker, der nach Wahrheit sucht, aber Zweig scheint sie zu finden; er weist auf Columbus Wahn hin, der in der historischen Idealisierung mittlerweile untergegangen ist, das Paradies zu finden, sich statt auf Haiti in Japan befunden zu haben; bis zu seinem Tod, der alles andere als ruhmreich war, hat Columbus dem Irrglauben, Indien entdeckt zu haben, angehangen - er hat eine der größten historischen Taten vollbracht, aber war völlig außer stande, sie zu deuten. Und eben dies gelang Vespucci, als er in einem der später veröffentlichten Briefe darauf hinwies, dass es sich nicht um Indien, sondern um Novo Mondo, eine Neue Welt, handle.
Verständlich, dass dies von den Zeitgenossen begeistert aufgenommen wurde, verständlich auch, dass ihm Ruhm zuteil wurde. Und absehbar, dass aus Helden oft genug Opfer derer werden, die sich an ihnen bereichern wollen, so wie hier.
Es ist nicht möglich, den gesamten Sachverhalt in einem kleinen Artikel zu entwirren, zu komplex ist diese Zufallskette, die Zweig da scheinbar mühelos und klar schildert.
Bemerkenswert an diesem Buch ist aber etwas anderes: Selten wird einem so klar vor Augen führt, wie selbstverständlich wir heute Fakten hinnehmen, und wie wenig wir nachfragen, wenn wir auf Ungereimtheiten stoßen; dass Columbus 1492 die Neue Welt entdeckte weiß jeder, dass Amerigo Vespucci Namensgeber Amerikas war, auch. Aber wie es denn sein kann, dass Amerika nicht Columbia heißt - das zu fragen haben wir verlernt.
von aeskulap - veröffentlicht in: Bücher
Kommentar hinzufügen - Kommentare () - empfehlen
Mittwoch, 12. märz 2008 3 12 /03 /2008 17:03
Das Semesterprojekt schreitet voran, und endlich gibt es auch wieder ein Buch zu besprechen, diesmal die Biographie einer uns auch heute wenigstens noch namentlich bekannten Persönlichkeit des 16. Jahrhunderts :
Maria Stuart, Königin von Schottland, ehemals auch Königin von Frankreich, bekannt vor allem durch das Ende ihres Lebens als erste Königin von Gottes Gnaden, die von weltlicher Justiz (hin-)gerichtet wurde.
Allen inhaltlichen Besprechungen voran muss hier gestellt werden, wie undankbar Zweigs Aufgabe in diesem Fall war - Maria Stuart gehört zu jenen historischen Persönlichkeiten, deren Leben über die Zeit eine Legendarisierung erfahren hat, die es, einige Jahrhunderte später, sicher schwierig macht, historischen Fakt von bloßer Dichtung, sichere von unsicherer Quelle, Beschönigung und Wahrheit voneinander zu trennen; nicht zuletzt kann man davon ausgehen, dass, als Mitglied des Hochadels, Königin und Mutter von James I., der die Königreiche England und Schottland durch seinen Thronanspruch einte, ihre eigene Geschichte auch durch ihre Nachfahren eine Bereinigung erfahren hat.
Zweig geht daher, dem eigenen Anspruch auf klares, unparteiisches Urteil folgend, einen Mittelweg, erklärt, warum und wie er welche Quelle gewichtet, lässt aber, wenn man sich einer Darstellung nicht sicher sein kann, auch andere Deutungen geschickt einfließen; am Ende seiner Bemühungen steht ein Buch, dass, soviel sei schon einmal verraten, mit von ihm gewohnten historischem Pathos, nicht nur das Leben Maria Stuarts nachzeichnet, sondern auch all die an ihrem Leben Anteil habenden historischen Gestalten lebendig werden lässt.
Das ist auch dringend notwendig, denn, wie so oft bei politischen Persönlichkeiten, all die Wendungen ihres Lebens, all die Intrigen, in die Maria Stuart sich selbst verwickelt oder hineingezogen wird, werden nur verständlich, wenn man auch ihre Feinde, Widersacher und Freunde (ersterer gibt es mehr, letzterer weniger), kennen lernt; nur so lässt sich Maria Stuarts Untergang auch politisch nachvollziehen. Nun aber zum Anfang.
Maria Stuart ist gerade 6 Tage alt, als sie zur Königin von Schottland wird, einem Land, dessen Adelsfamilien eher einer meuchelmordenden Meute, die hemmungslos mit- und gegeneinander intrigieren, gleichen; zu ihrem eigenen Schutz und auch aus politischer Berechnung wird sie an den französischen Hof geschickt, wo sie nicht nur alle höfische Pracht Europas, Bildung, Erziehung genießt, sondern auch in zartem Alter mit Franz dem II. verheiratet und somit zur Königin Frankreichs wird; nach dem frühen Tod ihres kränklichen Mannes aber, nun nicht mehr erste Frau am Hof, kehrt sie in das ihr vollkommen unbekannte Schottland zurück; und spätestens seit diesem Tag steht ihr Leben unter keinem guten Stern.
Keine kluge Taktikerin, einzig geschult in den repräsentativen Pflichten, erkennt sie bald, dass in Schottland sprichwötlich ein anderer Wind weht als in Frankreich; für die Feinde im eigenen Stand und im eigenen Schloss gilt Macht über Gewissen, ist Loyalität, selbst in Form von Brief und Siegel, kein Gut, dass sich nicht innerhalb von Sekunden wieder verwerfen ließe. Damit hätte Maria Stuart schon im eigenen Land mehr als genug Probleme, aber Weltpolitik wäre nicht Weltpolitik, wenn nicht damals schon das Ausland seine Finger im politischen Spiel Schottlands gehabt hätte; und das Ausland ist hier vor allem Elisabeth I., nahe Blutsverwandte Maria Stuarts, ihr krasser charakterlicher Gegenpol und zeitlebens ihre ärgste Rivalin.
Und mehr noch, in den beiden Frauen stehen sich auch verschiedene Weltanschauungen gegenüber, die eine Christin, die andere Schirmherrin der protestantischen Church of England:
"Der persönliche Kampf zwischen Elisabeth und Maria Stuart, zwischen England und Schottland entscheidet - und darum wird er so bedeutsam - auch zwischen England und Spanien, zwischen Reformation und Gegenreformation", wie Zweig schon in einem der ersten Kapitel vorausgreifend feststellt.
Aber bis zum Scheitern der Gegenreformation vergehen noch einige Jahre, in denen Maira Stuart erst einen gewissen Darnley, ihre erste wirkliche Liebe, heiratet, von dem sie schwer enttäuscht und in die Arme eines anderen Mannes getrieben wird; tragisches Liebesgeschehen eigentlich, das sich jedoch zu einem Mordkomplott gegen Darnley ausweitet, dessen Erfolg den Anfang vom Ende der Maria Stuart darstellt; hier beginnt der unhaltbare Abstieg ihres Lebens, vom Souverän eines Landes zur Gefangenen ihrer Erzrivalin und, schließlich, ersten nach einem Prozess gehenkten Königin Europas.
Diese bewegten 40 Lebensjahre schildert Zweig gewohnt gewissenhaft, ebenso entwirrt er erfolgreich die verschiedenen Komplotte und politischen Machtspiele, die Maria Stuarts Leben prägen (und auch beenden), aber selbst die Tatsache, dass man, nach Beendigung des Buches, mit einer gewissen Achtung auf Maria Stuart schaut, lenkt nicht davon ab, dass es sich hier, nach meiner Meinung, um eines seiner schwächeren Werke handelt; natürlich ist ein mittelmäßiger Zweigroman immernoch auf alle Fälle lesenswert, aber man sollte sich auf einige Schwächen gefasst machen, beispielsweise die Unübersichtlichkeit, die natürlich schon durch den historischen Stoff mit all seinen vielen Persönlichkeiten bedingt ist (man fühlt sich stark dan die Romane Dostojewskis erinnert, wenn man dann zum dritten oder vierten Mal einen Namen nachschlagen muss); oder aber die häufigen, unübersetzten französischen oder lateinischen Zitate, deren genauer Wortlort zwar normalerweise nicht essentiell ist, den man aber trotzdem gern verstanden hätte. Das sind natürlich nur kleine Schwächen vor dem Hintergrund einer Geschiche, die Zweig wieder einmal so lebendig gestaltet, als sei er selbst dabei gewesen, aber es sind immerhin Schwächen, die man wohl hätte vermeiden können.
Dennoch: "Im Letzten hat Maria Stuart ihrem Lande nichts Schöpferisches gegeben als die Legende ihres Lebens."
Und diese Legende ist es Wert, sie zu kennen, sie zu lesen - vor allem in Zweigs Darstellung.
von aeskulap - veröffentlicht in: Bücher
Kommentar hinzufügen - Kommentare () - empfehlen
Montag, 3. märz 2008 1 03 /03 /2008 17:42
Er war eine der bestimmenden Gestalten der turbulenten Geschehnisse Frankreichs zur Zeit der französischen Revolution und der napoleonischen Herrschaft, ein Strippenzieher, Intrigant, und ist durch sein Bestreben, im Hintergrund und fernab der Öffentlichkeit zu agieren, wohl auch heute noch eine der unterschätztesten Figuren der Weltgeschichte - so zumindest Stefan Zweig über den Chrakter, dessen Beschreibung dieser biographische Roman dient.
Zweig widmet hier seine, spätestens nach der Lektüre dieser Chrakterdeutung, besondere Fähigkeit, aus historischen Zeugnissen und allerlei Quellen mit viel Psychologie und Menschenkenntnis, die Persönlichkeit eines lange verstorbenen Menschen aus den Tiefen der Geschichte zu heben und für den Leser lebendig werden zu lassen, einem seiner Meinung nach sehr speziellen Charakter, nämlich dem des Diplomaten, des ewig Umfallenden, der sein Fähnchen Zeit seines Lebens immer wieder neu nach dem Wind hängt, am Beispiel des Joseph Fouché; einem der pragmatischen Taktierer, denen die Geschichte am Ende ihres Lebens nicht durch Lobeshymnen oder Hasstiraden, sondern, viel grausamer, durch Vergessen danken wird.
Fouché, Sohn eines Händlers, wird 1759 in Nantes geboren; später Ordensmann und Dozent der Mathematik und Latein in einem kleinen Kloster, scheint es nicht so, als plane das Schicksal großes mit ihm - doch als die französische Revolution beginnt, sieht er seine Chance, in das Geschäft der Machtspiele, die Politik einzutreten, und beginnt eine wohl beispiellose Karriere, die sich vor allem durch seine konstanten Positionen unter verschiedenen Machthabern auszeichnet (ermöglicht durch einen kompletten Mangel an Idealen und Prinzipien), und in der er zwei der großen Persönlichkeiten der Weltgeschichte erfolgreich die Stirn bietet, Robespierre und Napoleon, deren Untergang er durch seine Hinterhältigkeit besiegelt - doch betrachten wir seine Geschichte, zumindest deren Beginn, etwas genauer:
Einmal im Rang eines Deputierten zum Nationalkonvent, ist er eine unscheinbare Figur; allerdings beginnt er schon jetzt, seine Arbeit abseits der Öffentlichkeit, im Hintergrund, dort, wo er Zeit seines Lebens am freiesten und meisterlichsten agieren wird, aufzunehmen; er wählt, nachdem klar ist, dass die Jakobiner um Robespierre die dominierende Partei darstellen, folgerichtig in Richtung der Macht hängend, den Kurs des radikalen Revolutionärs, verfasst sogar das erste kommunistische Manifest, und macht sich einen - wenn auch traurigen - Namen als er abkommandiert wird, den Aufstand in Lyon niederzuschlagen und die Stadt mit ihrer Vernichtung zu strafen; von nun ab kennt man ihn als den "Mitrailleur de Lyon", den Radikalsten der Radikalen, der hunderte Menschen im Namen der Revolution kaltblütig hinrichten ließ.
Im laufe der Geschichte wird er auch, durch sein "ja" im Konvent bei der Abstimmung über die Enthauptung Ludwigs XVI., zum Königsmörder; beide Taten werden ihn bis zum Ende seines Lebens verfolgen, das in Zukunft von einem erstaunlichen Wechsel ungeheuren Einflusses und politischen Ausgegrenztseins geprägt wird; Zweig führt gerade die Tatsache, dass Fouché so oft als politisch tot gilt und sich trotzdem immer wieder aufschwingt, in die Politik zurückzukehren, um "den Finger im Brei" zu haben, für die Wandlungsfähigkeit seines politischen Idealismus (immerhin wird er vom Radikalen zuerst zum gemäßigten Republikaner, zum Minister des Direktoriums, dann des Kaisers, und am ende sogar Minister des Königs), aber auch für seine durch einen klaren und berechtigten Geist begründete Nützlichkeit an.
Überhaupt ist das gesamte Buch geprägt von Zweigs augenscheinlicher Faszination mit diesem Phänomen Fouché, die er wohl von Balzac, der sich ebenfalls schon mit diesem Menschentyp beschäftigt und Fouché in seiner, wenn man es so nennen will, Außergewöhnlichkeit erkannt hat; in Verbindung mit Zweigs lebhafter Geschichtsdarstellung, die sich, wie auch in anderen Werken, so liest, als sei er nicht Chronist von lange vergangenen Ereignissen, sondern sei selbst anwesend gewesen, den Akteuren der damaligen Zeit unsichtbar über die Schulter schauend, macht dies "Joseph Fouché: Bildnis eines politischen Menschen" zwar nicht zu einem außergewöhnlichen Werk der Weltliteratur, sicher aber zu einer ausgezeichneten Biographie, die nicht nur Einblicke in den Protagonisten, sondern auch in die Turbulenzen der damaligen Zeit, in die Persönliichkeiten Napoleons, Talleyrands, Dantons, Robespierres und ihre Politik gewährt.
von aeskulap - veröffentlicht in: Bücher
Kommentar hinzufügen - Kommentare () - empfehlen
Sonntag, 2. märz 2008 7 02 /03 /2008 19:23
Sie ist Zweigs populärstes Werk, und zugleich das nach seiner Meinung wohl am wenigsten dauerhafte seiner Bücher: die Schachnovelle, seine erste wirkliche literarische Abhandlung zeitgenössischer politischer Entwicklungen.
Erschienen 1942, dem Jahr seines Selbstmords, gehört sie zu seinen letzten Veröffentlichungen und spiegelt einmal mehr seine erzählerischen Fähigkeiten - auf nicht mehr als 110 Seiten schildert Zweig, zur Goetheschen Novellentheorie, die als zentralen Punkt eine künstlerische Bearbeitung einer "unerhörten Begebenheit" fordert, passend, das Aufeinandertreffen zweier grundauf verschiedener Schachspieler und verarbeitet gleichzeitig das Thema der wortwörtlichen nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Der erschreckend unspektakuläre Ort der Handlung ist ein Atlantikdampfer, auf dem der Ich-Erzähler, über den wir nicht sehr viel erfahren, die Anwesenheit des derzeitigen Schachweltmeisters entdeckt; es gelingt ihm schließlich, eine Partie zwischen dem für seine eigentliche geistige Trägheit bekannten Weltmeister, über dessen Entdeckung und Natur als dümmlicher ehemaliger Bauernjunge mit einem die Restwelt erstaunenden Talent für das Spiel der Könige man durch den Erzähler erfährt, und einigen Schachbegeisterten zu arrangieren.
Dass die Laien mit der Versiertheit des arroganten Gegners überfordert sind und Partie um Partie verloren geben müssen, verwundert nicht sehr, allerdings greift plötzlich ein Unbekannter in das Geschehen ein und zwingt dem berühmten Gegner ein Unentschieden auf - nur um sich danach so schnell zurückzuziehen, wie er erschienen ist.
Das genügt, die Neugierde des Ich-Erzählers zu wecken, der den seltsamen Österreicher, einen Dr.B. verfolgt und von ihm eine abenteuerliche Geschichte hört: Der ehemalige Verwalter der Finanzen hochrangiger Österreicher sei von den Nationalsozialisten eingesperrt und regelmäßig verhört worden. Die Natur seines Gefängnisses, die vollkommene Abgeschiedenheit von der Außenwelt über lange Zeit, habe er nur aufgrund eines kleines Büchleins mit 150 Meisterpartien, die er auswendig lernte, überstanden; dies habe ihn allerdings in ein Nervenfieber getrieben, das ihn bis heute gezeichnet zurückgelassen hat.
Er willigt ein, noch eine einzige Partie, gegen den Weltmeister zu spielen, aber nur, um herauszufinden, ob das damals noch "Spiel war oder schon Wahnsinn".
Die in eine Buchbesprechung eigentlich gehörende Beschreibung des Buchendes und der sprichwörtlichen "Moral von der Geschicht", die sich daraus ergibt, spare ich mir an diesem Punkt, um die Handlung nicht noch uninteressanter zu machen, als ich sie durch die ausführliche Schilderung oben schon gemacht habe; glücklicherweise bleibt uns immernoch eine kurze Betrachtung von Struktur und vielleicht auch Intention.
Wie es sich für eine Novelle gehört, finden sich auch hier beträchtliche Polaritäten, die Zweig erschafft, indem
er verschiedene Welten einander gegenüber stellt - eine freie, humane, intellektuelle, verkörpert einerseits durch Dr.B. als auch die Freiheit des Ortes, an dem er die Novelle spielen lässt, und eine unfreie, unmenschliche und (auch geistig) beschränkte, versinnbildlicht sowohl durch den gedankenarmen Schachweltmeister als auch durch die Enge und psychische Gewalt des Nazigefängnisses; er greift hierbei erstmals die Zeitgeschichte auf, die nicht nur seine Welt, sondern auch ihn, und in nicht so naher Zukunft auch sein Leben, an seine Grenzen treiben wird.
Schließlich bleibt zu erwähnen, dass auch Zweigs klare Sprache, sein flüssiger Erzählstil, der einen kaum freiwillig das Buch aus der Hand legen lässt, sowie die interessante Konzeption des Handlung mit dem Einschub der Geschichte B.'s dafür sprechen , diese Novelle unbedingt einmal zu lesen.
von aeskulap - veröffentlicht in: Bücher
Kommentar hinzufügen - Kommentare (1) - empfehlen
Samstag, 1. märz 2008 6 01 /03 /2008 02:56
Langsam aber sicher rückt das neue Semester näher, und es wird Zeit, schonmal ein neues Literaturprojekt ins Auge zu fassen - was genau es damit auf sich hat ist  schnell erklärt: Als Gegenpol zu all der Fachidiotie, die  jedes Semester auf mich einprasselt, habe ich vor einer Weile festgelegt, dass da ein literarischer Gegenpol gesetzt werden muss (das war spätestens in dem Moment klar, in dem ich kein normales Buch mehr lesen konnte, ohne unwillkürlich zu versuchen, es auswendig zu lernen..); bisher war das eher leichtere Kost, sprich Stuckrad-Barre und  Kracht, um mal die Autoren der letzten derartigen Aktion zu nennen (jaja, ich weiß, über literarischen Anspruch lässt sich da streiten, Stichwort Popliteratur), nun wird es allerdings Zeit, endlich mal einen Autoren anzugehen, den man  zumindest allgemein literarisch ernst nimmt , und, natürlich weitaus wichtiger, der tot und dessen Werk daher überschaubar ist; bei lebenden Autoren sind Resümees (ja, das schreibt man so, auch wenn es in der Tat  sehr unattraktiv ausschaut, selbst für den nicht  frankophilen Menschen) ja immer nur bedingt Zeitbeständig. Immerhin findet irgendwann auch das blinde Huhn mal ein Korn (so wie beispielsweise Grass, um da mal eindeutig Position zu beziehen).
Nun ja, die Wahl fiel dieses Semester auf einen Österreicher, Stefan Zweig, den meisten wohl bekannt durch seine zahlreichen biographischen Romane über historische Figuren (vor allem der französischen Revolution) oder aber durch die "Schachnovelle", ein kleines Büchlein, das wohl schon so manchen Schüler verfolgte.
Was gibt es nun, bevor in nächster Zeit die ersten Buchbesprechungen folgen, über den Autor zu erzählen?
Seine Geschichte ähnelt der vieler Autoren seiner Zeit: Geboren 1881 in Wien als Sohn eines jüdischen Unternehmers, erhielt Zweig die damals übliche Schulbildung bis zur Matura. Danach stellten sich Kontakte zu auch heute noch bekannten Literaten wie Rilke oder Hofmannsthal ein, und Zweig begann, seine ersten Werke zu veröffentlichen; sein hauptsächliches Arbeitsfeld bildete zu dieser Zeit allerdings die Übersetzung der Werke Baudelaires und Verhaerens.
Nach dem ersten Weltkrieg, nun eine etabliertere Gestalt der österreichischen literarischen Gemeinde, zog es ihn nach Salzburg, wo er über 10 Jahre lebte - 1934 kam es, wie es kommen musste - der Nationalsozialismus, oder besser: die von ihm ausgehende Gefahr, derer sich Zweig wohl bewusst war, trieb ihn ins Exil, aus dem er nie mehr zurückkehrte. In Anbetracht des Zerfalls seiner europäischen Heimat, deren Kultur und Geschichte er so viel Wert beigemessen hatte (um mal etwas zu dramatisieren), schied Zweig 1942 zusammen mit seiner Lebensgefährtin durch eine Barbituratüberdosis in Petropolis (bei Rio de Janeiro)freiwillig aus dem Leben.
Spekuliert man nun, sollten sich in seinem Werk also nicht nur historische Fakten, durch erzählerisches Geschick eng mit Fiktion verwoben, sondern auch immer wieder Bezüge auf die europäische Situation und sein Exil finden.
Soweit die Vermutung. Inwieweit diese zutrifft, werden wir in den nächsten Monaten erleben.
von aeskulap - veröffentlicht in: Bücher
Kommentar hinzufügen - Kommentare () - empfehlen
Donnerstag, 28. februar 2008 4 28 /02 /2008 01:08
Es wird Zeit, den Tag mit einem halbwegs ernsthaften Artikel abzuschließen (nicht zuletzt, weil der Literaturteil einen Einführungspost braucht), diesmal unter folgender konfuser Prämisse: Was liest man? Und wie?
Die Antwort klingt zunächst natürlich einfach: Bücher. Und zwar mit den Augen. Oder meinetwegen mit den Fingern, wenn man denn Braille bemühen will. Aber darauf zielt die Fragestellung natürlich nicht ab, vielmehr brennt mir ein Phänomen unter den Nägeln, das zwar zunächst vollkommen logisch und normal erscheint, aber den ein oder anderen Bücherwurm sicher schon in die Bredouille manövriert hat: Es gibt einfach viel zu viele Bücher von viel zu vielen Autoren, um sich auch nur Ansatzweise während der eigenen Lebzeiten ein Bild über die, und so nenn ichs nun mal pathetisch, literarische Menschheitsleistung zu machen.
Dass man mir nun für das Erkennen vollkommen offensichtlicher Tatsachen einen Preis verleihen könnte, ist mir bewusst, allerdings ergibt sich eben aus dem genannten Punkt ein wesentliches Problem, das sich in ähnlicher Weise auch in der modernen Informationsflut (und natürlich auch vielen anderen Bereichen finden lässt): Welche Bücher sind lesenswert? Und wie will man das bemessen?
In der Schule hilft man sich heutzutage mit dem Schlagwort "Werkimmanenz" über die Tatsache hinweg, dass die wenigsten Schüler ihnen vorgelegte Bücher in (literatur-)geschichtliche Kontexte oder gar in eine Schaffensperiode des Autors einordnen können; über Sinn und Unsinn dessen lässt sich vermutlich streiten, allerdings ist es ein schönes Symptom für die eigentliche Unfassbarkeit des literarischen Kosmos in seiner Gänze.
Natürlich kennen wir alle mindestens zwei mögliche Lösungen für das von mir vielleicht etwas zu ausführlich geschilderte Dilemma:
Zum einen bleibt uns die Verallgemeinerung, das grobe Anreißen der als relevant befundenen Autoren und Strömungen - also etwas Dickens hier, dort ein bisschen Faulkner, natürlich auch etwas Tolstoi, Naipaul und wie sie alle heißen; das exemplarische herausgreifen einzelner Werke ist (zusammen mit der von an dieser Stelle geforderten direkten Uploadmethode a la Matrix) heute wohl die einzige Möglichkeit, sich den groben Überblick zu wahren.
Dem entgegen steht logischerweise die Spezialisierung, sei es auf die Literatur eines bestimmten Landes, Autors oder eine einzelne Gattung.
Beide Lösungen beinhalten dann allerdings auch die durch Auslassung bedingten Gefahren - das Verpassen wichtiger Zusammenhänge etwa. Oder, für uns Hobbyleser, das Übersehen eigentlich guter Bücher. Oder das Fällen von Fehlurteilen über Autoren anhand eines einzelnen gelesenen Buches.

Wie ist dem also beizukommen? Gar nicht. Denke ich zumindest.
Warum dann aber dieser Artikel? Weil wir nicht unendlich viele Bücher lesen können. Und weil wir daher, wenn wir denn ein Buch in die Hand nehmen, auch einmal kurz darüber nachdenken sollten, was wir nun davon erwarten. Und weil wir uns ab und zu, wenn wir uns wieder vom Volksverdummer beschallen lassen, fragen sollten, wann wir eigentlich das letzte Mal ein Buch in der Hand hatten.
von aeskulap - veröffentlicht in: Bücher
- Kommentare () - empfehlen

Über diesen Blog

Kategorien

Kalender

Januar 2010
M D M D F S S
        1 2 3
4 5 6 7 8 9 10
11 12 13 14 15 16 17
18 19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30 31
             
<< < > >>

Feeds

  • RSS feed of articles
Erstellen Sie einen Blog auf de.over-blog.com - Kontakt - Nutzungsbedingungen - Missbrauch melden